KI ist Chef:innen-Sache
Sophie Martinetz ist Österreichs Legal-Tech-Botschafterin, sei es nun im gesprochenen oder – in ihrer Funktion als MANZ-Herausgeberin und -Autorin – im geschriebenen Wort.
„Ich radle und spreche“, sagt Sophie Martinetz ganz zu Beginn des Telefonates für unser Autorinnenporträt. Das meint sie wörtlich: Während des Interviews ist die Legal-Tech-Expertin auf einem, wie sie sagt, „Biofahrrad“(ohne Elektromotor nämlich), unterwegs zum nächsten Termin. „Da bin ich schneller als mit den Öffis und mache gleichzeitig Sport.“
Sportlich ist auch das Arbeitspensum, das sie bewältigt – als Gründerin von Future-Law und Leiterin des Legal Tech Centers der Wirtschaftsuniversität Wien, als Vortragende und Autorin, als Mitglied im Strategischen Beirat des Forums Alpbach und im Beirat für die Digitalisierung des Parlaments sowie noch vieles andere mehr. „Vollgas“ – so hieß der erste Spielfilm der heimischen Regisseurin Sabine Derflinger, an dem Martinetz vor ihrer Legal-Tech-Karriere als Produktionsassistentin mitwirkte. Und das passt dann auch irgendwie.
Vom Film zur Bank
Bereits neben dem Jus-Studium in Wien arbeitete die Future-Law-Geschäftsführerin am Theater. Später war sie für TV und Oper in Wien und Berlin tätig. „Ursprünglich wollte ich etwas Juristisches im Filmbereich machen.“
Von der Unterhaltungsbranche zu den Banken ist es dann doch ein weiter Sprung, aber Martinetz schaffte auch diesen. Das Bankhaus Barclays betraute sie mit Aufbau und Leitung eines globalen Business Development Teams in 23 Ländern.
Zurück in Wien machte sie sich 2017 mit Future-Law selbstständig. „Mir war klar, dass durch die steigende Rechenleistung ein Umbruch in der Digitalisierung bevorsteht. Da das Thema auf den österreichischen Rechtsmarkt einen großen Impact haben würde, beschloss ich, es zu umarmen.“
Gemeinsam mit ihrem Team begleitet Martinetz Rechtsabteilungen und Anwaltskanzleien auf deren Digitalisierungs- und KI-Reise. Auch führt sie Schulungen durch und organisiert seit zehn Jahren die alljährliche Future-Law Legal-Tech-Konferenz. „Seit acht Jahren laden wir zudem Rechtsabteilungen mehrmals im Jahr zum Legal-Tech-Frühstück, wobei jeweils ein spezifisches Thema behandelt wird.“
„Auf kurze Sicht werden die Möglichkeiten künstlicher Intelligenz überschätzt, langfristig werden sie unterschätzt.“
SOPHIE MARTINETZ
Uni-Engagement
Auch die Studierenden liegen der Expertin am Herzen. Für diese wurde vor fünf Jahren das Legal Tech Center der WU gegründet. „Jedes Jahr erhalten zwischen 60 und 100 Studierende Einblick in die Digitalisierung des Rechts.“ Die Seminararbeiten dürfen mithilfe von KI-Tools recherchiert bzw. verfasst werden.
Wie aber steht es um Digitalisierung und Nutzung von KI im Rechtsbereich? Eine Antwort gibt die jüngste Auflage der von Future-Law präsentierten Legal Tech Map Austria: „Der Markt entwickelt sich dynamisch zu einem integrierten Ökosystem, in dem Legal AI, Prozessoptimierung und digitale Infrastruktur zusammenwachsen.“
Im Mittelpunkt stehen nicht nur generative Sprachmodelle und neue Recherche-Lösungen. Von praktischer Bedeutung sei insbesondere die Frage, wie juristische Prozesse effizienter, strukturierter und strategischer gestaltet werden können. „Großes Potenzial sehe ich in pragmatischen Lösungen, die administrative Prozesse vereinfachen und juristische Teams entlasten.“
Martinetz nennt ein Beispiel: „Neun Stunden in der Woche verbringen Wissensarbeiter mit dem Suchen von Inhalten. Selbst wenn die KI nur dabei hilft, Dinge zu finden, habe ich eine Produktivitätssteigerung von rund 20 Prozent. Da brauche ich gar keine ausgeklügelten Use-Cases.“
Eine KI ist keine Rolex
Nach dem Hype steht der tiefgreifende Wandel von Arbeitsprozessen erst bevor. „Bislang hatten wir eine Art Rolex-Syndrom: Unternehmen haben in der künstlichen Intelligenz zum Teil ein Statussymbol gesehen. Sie wollten das, was andere haben.“
Manche überzogene Erwartung hat sich nicht erfüllt, dafür haben sich künstliche Intelligenz, generative Sprachmodelle und Large-Language-Models als neue Basistechnologien etabliert. „Auf kurze Sicht werden die Möglichkeiten dieser Technologien überschätzt, langfristig werden sie jedoch unterschätzt.“
Um „KI im Unternehmen“ geht es auch in einem nunmehr erscheinenden MANZ-Werk unter der Herausgeberschaft von Sophie Martinetz. „Künstliche Intelligenz ist kein IT-Thema, sondern ein Strategiethema, daher sind andere Fragen zu stellen als bei der Umsetzung eines IT-Projekts“, so die Herausgeberin.
Welche Rolle soll KI im Geschäftsmodell spielen? Welche neuen Geschäftsfelder werden dadurch ermöglicht? Und welche Governance braucht es, um die daraus resultierenden Risiken zu minimieren?
Für das Buch konnte die bestens vernetzte Future-Law-Chefin Top-Expert:innen aus Strategie, Recht, Technologie, Datenmanagement, Ethik, Cybersecurity, Nachhaltigkeit und Organisationsentwicklung als Autor:innen gewinnen. „Wer KI als Chef:innen-Sache begreift, gestaltet. Wer sie delegiert, reagiert bloß. In einem Umfeld, das sich so schnell wandelt, wäre Letzteres keine gute Strategie.“
Sämtliche Titel von Sophie Martinetz können Sie im MANZ Webshop bestellen.
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