Warum Jus einsam machen kann – und warum es nicht an dir liegt
Dass sich das Jusstudium zeitweise isolierend anfühlt, ist kein persönliches Versagen, sondern häufig strukturbedingt. Wir zeigen, wie du Community findest und auch in der Prüfungsphase pflegst.
Dass sich das Jusstudium zeitweise isolierend anfühlen kann, ist kein persönliches Versagen, sondern häufig strukturbedingt. Das Regensburger Forschungsprojekt LawSTRESS stellte fest, dass Prüfungskandidat:innen in der heißen Phase rund 50 Stunden pro Woche mit Lernen verbringen, etwa zwölf Stunden mehr als im normalen Semesterbetrieb. Diese Differenz entspricht genau der Zeit, die man üblicherweise für soziale Kontakte, Abende mit Freund:innen oder Sport nutzt.
Die Zahlen zeichnen ein klares Bild der psychosozialen Lage:
- In Befragungen geben 48 % der 20- bis 24-Jährigen an, sich im Studium einsam zu fühlen.
- Laut der LawSTRESS-Studie zeigen kurz vor der Prüfung 59 % der Studierenden auffälliges chronisches Stresserleben, 48 % erhöhte Ängstlichkeit und 19 % depressive Symptome.
- In einer Umfrage des deutschen Bundesverbands rechtswissenschaftlicher Fachschaften (BRF) gaben 78 % der Befragten Angst vor dem Nichtbestehen als Hauptstressfaktor an, und 70 % würden das Studium im Hinblick auf die psychische Belastung nicht weiterempfehlen.
Diese Daten aus Deutschland verdeutlichen: Wer sich im Jusstudium isoliert oder überfordert fühlt, ist keineswegs allein. Umso wichtiger ist es, von Beginn an gegenzusteuern und soziale Anker zu setzen.
Phase 1: Community finden
Gerade zu Studienbeginn oder beim Übergang in neu strukturierte Abschnitte fällt der Anknüpfungspunkt im Hörsaal oft schwer. Glücklicherweise gibt es an den Universitäten im DACH-Raum zahlreiche Angebote, die dir das Knüpfen von Kontakten erleichtern.
1. Fakultäre Mentoring-Programme
Viele Rechtswissenschaftliche Fakultäten bieten strukturierte Peer-Mentoring-Programme an, bei denen erfahrene Studierende Erstsemestrigen zur Seite stehen:
- Universität Wien (Juridicum): Das Programm THIS IS JUS bietet Peer-to-Peer-Mentoring für Erstsemestrige an, ergänzt durch ein Early-Bird-Mentoring ab September sowie Vernetzungs-Events. Höhersemestrige Mentor:innen werden in eigenen Lehrveranstaltungen auf ihre Rolle vorbereitet.
- Wirtschaftsuniversität Wien: An der WU gibt es ein breit gefächertes Angebot, das vom Studienstart bis zur Spitzenförderung reicht: Beim Mentoring@WU werden Erstsemestrige von höhersemestrigen Studierenden (etwa WiRe-Tutorinnen) durch Gruppentreffen, Campusführungen und Tipps zur Studienorganisation und zur STEOP begleitet und vernetzen sich direkt mit Kolleginnen. Zum informellen Austausch lädt jedes Semester der WiRe-Stammtisch von JUS+ und ÖH WU ein, bei dem man ohne Anmeldung mit Professorinnen und fortgeschrittenen Studierenden ins Gespräch kommen kann.
- Universität Graz: Das REWI-Mentoring begleitet Studienanfänger:innen beim Einstieg und ermöglicht den Austausch mit höheren Semestern.
- Johannes Kepler Universität Linz (JKU): Zusätzlich zum regulären Mentoring-Programm gibt es für Studierende der Rechtswissenschaften das „Mentoring Multimedia System“, über das gezielte Suchinserate für Mentoring geschalten werden können, um passende Ansprechpersonen zu finden.
- Universität Innsbruck: An der Rechtswissenschaftlichen Fakultät begleiten “Law Buddies”, also Studierende in fortgeschrittenen Semestern, die Erstsemestrigen. So lernt man von Anfang an andere Studierende kennen, kann früh Lerngruppen bilden und sich vernetzen.
2. Studentische Vereine & Praxisinitiativen
Gemeinsames Engagieren schweißt zusammen. Neben Fachschaften und der European Law Students' Association (ELSA) bieten praxisnahe Projekte hervorragende Vernetzungschancen:
- Law Clinics & Pro-Bono-Initiativen: Beispielsweise ermöglichen die Vienna Law Clinics oder das Legal Literacy Project in Wien das gemeinsame Erarbeiten rechtlicher Themen bei gleichzeitigem sozialem Engagement.
- Moot Courts & Debattierclubs: Formate wie die Juridicum Debating Society oder universitäre Moot-Court-Teams fördern nicht nur die Rhetorik, sondern schaffen enge Teamstrukturen.
- Ersti-Wochen und Soziale Events: Bei Kennenlernveranstaltungen und Ersti-Abenden lernt man Kolleg:innen aus dem eigenen und höheren Semestern zwanglos kennen. Bei Cocktail- und Spritzerständen kommt man bei entspannter Stimmung schnell ins Gespräch und knüpft erste Kontakte, aus denen oft Lerngruppen und Freundschaften entstehen.
Phase 2: Community pflegen und behalten
Eine Community aufzubauen ist der erste Schritt. Sie über monatelange Lern- und Prüfungsphasen aufrechtzuerhalten der zweite. Folgende Strategien helfen dir, soziale Kontakte trotz hoher Stoffmenge nicht zu verlieren:
1. Das Zwei-Säulen-Prinzip etablieren
Um Isolationsspiralen in der Prüfungsvorbereitung zu verhindern, hat sich das Zwei-Säulen-Prinzip bewährt:
- Säule 1 (Fachlicher Austausch): Eine feste Lerngruppe für die gemeinsame Fallbearbeitung und das Abfragen von Streitständen, oder einfach nur für’s Diskutieren zwischendurch.
- Säule 2 (Nicht-juristischer Ausgleich): Mindestens ein fester wöchentlicher Termin mit Menschen außerhalb des Juskontexts (Familie, alte Schulfreund:innen, Sportverein…). Dies schützt davor, die eigene Identität ausschließlich über den Lernerfolg oder den Studienfortschritt zu definieren.
2. Die optimale Lerngruppe gestalten
Lerngruppen sind eine der effektivsten Methoden, um fachlichen Fortschritt mit sozialer Interaktion zu verbinden.
- Größe: Eine Gruppenstärke von drei bis vier Personen gilt als ideal, um Verbindlichkeit zu sichern und organisatorische Flexibilität zu wahren.
- Aktive Methoden: Nutze Formate wie die Feynman-Methode: Erklärt einander wechselseitig abstrakte Probleme oder Definitionen in einfachen Worten. Wer Inhalte frei erklären kann, deckt eigene Verständnislücken sofort auf.
3. Kleine Schritte statt unerreichbarer Großpläne
Oft scheitern Verabredungen am „Alles-oder-Nichts-Denken“: Weil keine Zeit für einen ganzen freien Abend da ist, wird der Kontakt komplett abgesagt. Freundschaften leben jedoch von der Frequenz:
- 5 Minuten: Eine kurze Sprachnachricht auf dem Weg zur Uni.
- 20 Minuten: Ein Telefonat während des Weges zur Bibliothek.
- 1 Stunde: Ein gemeinsames Mittagessen in der Mensa.
- > 2 Stunden: Sich in der Bibliothek treffen und gemeinsam lernen.
4. Feste Termine im Lernplan verankern
Gute Vorsätze wie „Wir müssen uns bald wieder einmal treffen“ halten unter Prüfungsdruck selten. Trage soziale Termine mit derselben Verbindlichkeit in deinen Kalender ein, wie Übungen oder Vorlesungen. Ein im Lernplan fest eingetragener Ausgleichstermin wird seltener gestrichen als eine vage Absicht.
Fazit
Ein erfolgreiches Jusstudium und ein aktives Sozialleben schließen einander nicht aus – im Gegenteil: Gegenseitige Unterstützung ist der beste Schutz vor Überforderung und Burnout. Indem du universitäre Mentoring-Angebote nutzt, eine strukturierte Lerngruppe aufbaust und dir feste, nicht-juristische Freiräume schaffst, legst du das Fundament für eine gesunde und erfolgreiche Studienzeit.
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