Home Studium Aus- und Weiterbildung Work Life Balance als Jusstudent

Work-Life Balance als Jus-Student:in : Ist das überhaupt möglich?

Wenn man Jus studiert, fühlt es sich oft so an, als gäbe es nur zwei Zustände: zu viel zu tun oder schlechtes Gewissen, weil man gerade nicht lernt. Freizeit wirkt wie eine Belohnung, die man sich erst „verdienen“ muss… und selbst dann bleibt im Hinterkopf die Frage: „Sollte ich nicht doch noch etwas mehr lernen?“

Artikel teilen
© Unsplash.com
Work-Life Balance als Jus-Student:in
Ein Blogartikel von Alena Klauser
Datum
29. Januar 2026

Genau hier setzt eine spannende Erkenntnis aus der Forschung an: Eine Studie von Jaime Lester zu Work-Life-Balance im Hochschulkontext zeigt, dass das Problem oft nicht fehlende Zeit oder fehlende Angebote sind, sondern die Kultur, die Erwartungen und die Art, wie wir sie übernehmen. 

Kurz gesagt: Balance scheitert häufig nicht am Kalender, sondern am Kopf.

Warum Work-Life-Balance im Studium so schwer ist

Die Studie macht deutlich, dass es an Hochschulen nicht „die eine“ Work-Life-Balance-Kultur gibt. Stattdessen existieren viele kleine Teilkulturen, je nach Status, Umfeld, Lebensphase und Erwartungen. 

Das ist vor allem für Jus-Studierende besonders relevant, weil das Studium stark von impliziten Regeln geprägt ist:

  • „Wer gut sein will, lernt immer.“
  • „Pausen sind nur okay, wenn du eh schon fertig bist.“
  • „Andere sind sicher weiter.“

Solche Sätze werden zwar nur selten laut gesagt, führen aber dennoch gedanklich dazu, dass viele Studierende vorhandene Freiräume gar nicht nutzen, obwohl sie theoretisch da wären.

Die wichtigste Erkenntnis: Balance ist individuell und dynamisch

Ein zentraler Punkt der Studie: Work-Life-Balance ist keine Einheitslösung. Sie hängt von den Lebensumständen ab und verändert sich ständig. 

Übertragen aufs Jus-Studium heißt das:

  • Balance in der STEOP sieht anders aus als kurz vor einer großen Modulprüfung.
  • Balance mit Nebenjob sieht anders aus als in einem Semester ohne Arbeit.
  • Balance während einer Prüfungsphase ist nicht dasselbe wie Balance in einer ruhigeren Woche.

Das ist entlastend: Wenn du gerade keine perfekte Balance hast, heißt das nicht, dass du „versagst“, es heißt nur, dass du in einer anderen Phase bist.

Der eigentliche Stressfaktor: Unsichtbare Erwartungen

Besonders spannend ist die Beobachtung, dass viele Menschen sich weniger an ihren eigenen Bedürfnissen orientieren, sondern an dem, was sie glauben, dass „man“ tun sollte. 

Im Jus-Studium zeigt sich das oft so:

  • Du gehst nicht früher schlafen, obwohl du müde bist, weil du „zumindest noch das eine Kapitel fertiglesen musst“.
  • Du sagst Treffen ab, obwohl du eigentlich Gesellschaft bräuchtest.
  • Du machst Pausen nur dann, wenn du dich dafür rechtfertigen kannst.

Und genau dadurch entsteht ein Teufelskreis: Du fühlst dich ausgelaugt, lernst dadurch ineffizienter und hast dann noch mehr Druck.

5 Strategien, die du aus der Studie für deinen Studienalltag ableiten kannst

Die gute Nachricht: Aus den Ergebnissen lassen sich sehr konkrete Strategien ableiten. Nicht als „perfektes System“, sondern als Werkzeuge, die dir helfen, deinen Alltag selbst zu steuern.

1) Definiere Balance selbst, statt dich an externen Erwartungen oder am Vorbild anderer zu orientieren

Wenn es keine einheitliche „richtige“ Balance gibt, musst du deine eigene Definition setzen. Das klingt banal, ist aber der entscheidende Schritt.

Fragen, die helfen:

  • Wie viele Lernstunden pro Tag sind für mich realistisch?
  • Wie viele Pausen brauche ich, damit ich gut lernen kann?
  • Wann ist für heute Schluss, auch ohne schlechtes Gewissen?

Juristisch gedacht: Balance ist ein unbestimmter Rechtsbegriff und du bist die Instanz, die ihn in deinem Leben konkretisiert.

2) Mach die Erwartungen sichtbar und relativiere sie

Viele Erwartungen sind „gefühlt“ und nicht bewiesen. Die Studie zeigt, dass diese unsichtbaren Regeln großen Druck erzeugen können. 

Praktisch heißt das: Sprich ehrlich mit Kommiliton:innen darüber, wie viel sie wirklich schaffen, wie sie lernen und wo sie strugglen.
Sehr oft merkt man dann: Niemand hat alles im Griff, die meisten tun nur so.

3) Akzeptiere Phasen statt Perfektion

Balance ist dynamisch. Es wird Wochen geben, in denen der Fokus auf dem Lernen liegt und Wochen, in denen du wieder mehr Freizeit hast. 

Statt dich zu fragen: „Warum bin ich gerade nicht ausgeglichen?“, frag dich:

  • „Welche Phase ist das gerade?“
  • „Was ist mein Entspannungs-Minimum, damit ich gesund bleibe?“
  • „Was kann ich nächste Woche wieder aufholen, wenn ich diese Woche zu wenige Kapazitäten habe?“

4) Nutze deinen Handlungsspielraum aktiv

Ein wichtiger Punkt der Studie ist, dass Menschen häufig mehr Spielraum haben, als sie denken, ihn aber nicht nutzen, weil Druck und Erwartungen stärker wirken. 

Konkrete Beispiele:

  • Lernplan anpassen, statt ihn stur „durchzuziehen“
  • feste Pausen einbauen (und sie nicht als „Schwäche“ sehen)
  • Freizeit planen, nicht nur hoffen, dass sie „irgendwann passiert“

5) Fokus auf Selbstwirksamkeit statt Vergleich

Balance entsteht dort, wo du das Gefühl hast, deinen Alltag beeinflussen zu können. 
Das erreichst du nicht durch mehr Druck, sondern dadurch, die Kontrolle über deine Zeit und deine Leistungsfähigkeit zurückzugewinnen:

  • Setze dir kleine Tagesziele (nicht „alles, was geht“, sondern „ein konkretes Thema/Kapitel/Vorlesungseinheit…“).
  • Mach deinen Fortschritt sichtbar (z. B. Checkliste).
  • Frag nicht: „Bin ich fleißig genug?“
    Sondern: „Bin ich heute einen Schritt weiter als gestern?“

Fazit: Ja, eine gute, gesunde Work-Life-Balance ist möglich, aber nicht als universelles Idealbild zu betrachten!

Die Studie zeigt sehr klar: Work-Life-Balance ist im Hochschulkontext möglich, aber nicht als starres Konzept. Sie ist eher ein Prozess: ein ständiges Nachjustieren zwischen Anforderungen, Erwartungen und echten Bedürfnissen. 
Du musst nicht alles gleichzeitig perfekt machen. Du musst es so machen, dass du langfristig funktionierst und dabei noch du selbst bleibst. Vergiss nicht, deine Studienzeit sollte eine Lebensphase sein, die dir noch viel mehr als den reinen Wissenserwerb bringt: unter anderem neue Sozialkontakte, viel Spaß und einen positiven Aufbruch in dein Erwachsenenleben.

Quellen: Todres, J. (2022). Work-Life Balance and the Need to Give Law Students a Break. University of Pittsburgh Law Review Online83, 1-13; Lester, J. (2015). Cultures of work–life balance in higher education: A case of fragmentation. Journal of Diversity in Higher Education8(3), 139.