Einfach machen! Warum du deinen Prüfungsantritt nicht aufschieben solltest
Die Prüfungsphase rückt näher und die Panik steigt. Der Gedanke, die Prüfung einfach auf das nächste Semester zu verschieben, wirkt in diesem Moment wie ein rettender Anker. Tatsächlich ist die akademische Prokrastination, trotz des Wissens um negative Folgen, unter Studierenden weit verbreitet: Schätzungen gehen davon aus, dass 80 % bis 95 % aller Studierenden zumindest gelegentlich davon betroffen sind. Doch was sich kurzfristig wie Erleichterung anfühlt, entpuppt sich langfristig oft als fatale Entscheidung für den Lernerfolg, die Psyche und sogar den Geldbeutel.
1. Die mentale Last: Warum dein Gehirn keine „offene Schleife" mag
Ein zentrales Argument gegen das Aufschieben ist die dauerhafte psychische Belastung durch unerledigte Aufgaben. Die Psychologie beschreibt dies durch den Zeigarnik-Effekt: Unabgeschlossene Aufgaben erzeugen eine spezifische kognitive Spannung, wodurch sie im Gedächtnis wesentlich präsenter bleiben als erledigte Handlungen.
Wenn du einen Prüfungsantritt aufschiebst, bleibt diese „offene Schleife" in deinem Kopf aktiv. Dies führt zu einer kognitiven Last, die deine mentale Kapazität für neue Aufgaben einschränkt und oft zu intrusiven Gedanken oder sogar Schlafstörungen führen kann. Erst der Antritt, unabhängig vom Ergebnis, beendet diesen Spannungszustand und setzt mentale Ressourcen wieder frei.
2. Die Wissens-Erosion: Das Märchen von der „zusätzlichen Zeit"
Viele Studierende verschieben in der Hoffnung, durch mehr Zeit einen besseren Wissensstand zu erreichen. Die Gedächtnisforschung nach Hermann Ebbinghaus widerspricht dieser Intuition jedoch fundamental. Ohne aktive Anwendung geht gelerntes Wissen rasant verloren: Bereits nach 24 Stunden sinkt die Abrufbarkeit des Gelernten auf ca. 34 %, und nach einem Monat verbleiben oft weniger als 20 % im aktiven Zugriff.
Wer eine Prüfung monatelang aufschiebt, entwertet seine bereits investierte Lernarbeit massiv. Der Aufwand, das Wissen später wieder auf Prüfungsniveau zu bringen, ist oft größer als der Nutzen der gewonnenen Zeit.
3. Der Testing-Effekt: Die Prüfung als Lerninstrument
Ein weit verbreiteter Irrtum ist, dass Prüfungen nur der Bewertung dienen. In Wahrheit ist das Ablegen einer Prüfung selbst eines der mächtigsten Werkzeuge zur Wissensfestigung, bekannt als „Testing Effect" oder „Retrieval Practice". Studien zeigen, dass das aktive Abrufen von Informationen während eines Tests die langfristige Behaltensrate signifikant stärker erhöht als bloßes erneutes Lesen oder Studieren. Wer antritt, verankert den Stoff also robuster im Langzeitgedächtnis für das weitere Studium.
4. Die Schiebe-Spirale und der psychologische Druck
Die Entscheidung, eine Prüfung aufzuschieben, markiert oft den Beginn eines Teufelskreises. Mit jedem verschobenen Termin steigt die eigene Erwartungshaltung: "Wenn ich schon schiebe, muss die Note jetzt perfekt sein". Dieser erhöhte Leistungsdruck befeuert die Versagensangst nur noch weiter. Statistisch gesehen erzielen Studierende, die innerhalb der Regelstudienzeit antreten, bessere Noten und höhere Erfolgsquoten als diejenigen, die später antreten.
5. Die unsichtbaren Kosten: Zeit ist Geld
Besonders unterschätzt werden die Opportunitätskosten. Jedes Semester, das du durch das Verschieben länger studierst, kostet dich am Ende deiner Karriere ein Jahr deines höchsten Gehalts. Für Jus-Absolvent:innen kann ein Jahr Verzögerung durch entgangenes Gehalt und Lebenshaltungskosten insgesamt rund 40.000 bis 60.000 EUR kosten.
Wann solltest du einen Prüfungsantritt wirklich verschieben?
Natürlich gibt es legitime Gründe wie Krankheit, familiäre Notfälle oder eine völlig unrealistische Prüfungsdichte. Doch wenn nur die Angst vor einer schlechten Note oder mangelnde Disziplin der Grund sind, ist der Antritt fast immer die rational überlegene Strategie.
Quellen: Allen, C. (2006). Test-Enhanced Learning: Taking Memory Tests Improves Long-Term Retention. Washington University in St. Louis.; Bundesamt für Justiz (BfJ). (2024). Statistik der juristischen Prüfungen 2022. https://www.bundesjustizamt.de; Charleen (2025, 10. März). Klausur schieben oder durchziehen? (Entscheidungshilfe in 5 Schritten). shribe! shribe.de/klausur-schieben/; Fander, C.-M. (2025). Über den Zusammenhang zwischen akademischer Prokrastination, Selbstwert und exzessiver Internetnutzung – Eine Längsschnittuntersuchung bei Masterstudierenden [Masterarbeit]. Universität Innsbruck.; Gebertshammer, V. (2026). Jura 18 Punkte – Die Notengebung im Jurastudium. Beck-Stellenmarkt.; Hofmann, A. (2023, 28. November). Studienabbruch: Verstehen, Vorbeugen und Verhindern. itb-academic-tests.org.; Latuska, L. (2020). Prokrastination im Studium – eine quantitative Studie zur differenzierten Analyse von Einflussfaktoren [Master-Thesis]. Pädagogische Hochschule Freiburg.; Ness Labs. (o. D.). The psychology of unfinished tasks: the Zeigarnik and Ovsiankina effects. nesslabs.com/unfinished-tasks