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NACHRUF

Der Autor bestimmt das Thema (und nicht seine Kritiker)!

Zum Ableben von Georg Wilhelm

Dr. Thomas Rabl ist Rechtsanwalt in Wien, Chefredakteur der ecolex und ehemaliger Universitätsassistent bei Georg Wilhelm.

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Georg Wilhelm
© David M. Peters
Georg Wilhelm (1942-2021)
Ein Nachruf von Thomas Rabl
Datum
31. Mai 2021

Ohne jeden Zweifel gibt es Personen, die Georg Wilhelm viel länger und sicherlich auch viel besser gekannt haben, als ich das getan habe. Wir standen uns in den meisten Dingen des Lebens niemals wirklich nahe, haben etwa so gut wie nie über wirklich „Privates“ gesprochen. Das lag wohl vor allem daran, dass wir charakterlich doch sehr differierten, in den meisten Angelegenheiten anderes verfolgten und daher auch zum Teil nicht wussten, was man mit dem jeweils anderen Lebenskonzept anfangen soll. Deswegen wurde vieles zwischen uns in der Zeit unserer Bekanntschaft, die mehr als mein halbes Leben dauerte, geradezu in stillschweigendem Konsens ausgespart. Dessen ungeachtet gab es immer wieder Perioden, in denen wir für kurze oder auch längere Zeit, manchmal losere manchmal auch durchaus intensivere, Berührungspunkte hatten, die ich nicht missen will. Und nein, ich spiele hier nicht auf die vielen, geradezu „klassischen“ und zum Teil wirklich skurrilen Wilhelm-Anekdoten an: Diese kursieren unter bestimmten Jus-Studenten- und Assistentengenerationen nach wie vor und manches daran ist wahr und manches ist jedenfalls gut erfunden.

Georg Wilhelm hat mich und mein Selbstverständnis als Jurist in mancherlei Hinsicht mitgeprägt. Dies ist schon daraus erklärbar, dass ich ihn – einen Menschen und Uni-Professor der sehr eigenen Art – quasi unmittelbar nach meinem Diplomstudium als noch „gläubiger“, etwas eingeschüchterter und eigentlich gar nichts könnender Jung-Uniassistent kennenlernen durfte. Ich habe viel, vielleicht weniger von ihm als durch ihn, gelernt; nicht nur, was das schnöde Zivilrecht selbst betrifft, sondern etwa auch den Umgang mit und den Respekt vor sprachlichem Ausdruck und vor denjenigen, die einen solchen – wie der Master und manche (nicht viele!) andere – beherrsch(t)en. Ich habe mit ihm aber auch gelernt, dass es sicherlich nicht leicht ist, jemand wie er zu sein, der neben berechtigter Kritik an manchen entbehrlichen Respektlosigkeiten und Verhaltensauffälligkeiten auch unberechtigte Kritik für sein Verständnis von Jus einstecken musste, das oft über den herkömmlichen Tellerrand hinausblickte. In den Zeiten, in denen wir mehr Kontakt hatten, drehten sich unsere Gespräche von Anfang an tatsächlich immer gleich um Gott und die Welt, wobei für Gott manchmal das Johannesevangelium und für die Welt Kulturgeschichte, Musik, Literatur, Assam-Tee und natürlich die von ihm begründete, über viele Jahre geprägte und von ihm über alles geliebte ecolex herhalten mussten. Ohne die „ecolex-Zwangsbeglückung“, die ich durch ihn vom ersten Tag als Assistent erfahren habe, wäre ich jetzt wohl nicht Chefredakteur.

Über seine eigene Art der Schreibkunst, die in der akademischen Blase von manchen der vermeintlich „Seriösen“ zu Unrecht Ablehnung erfuhr, könnte man viel sagen und wurde auch schon viel gesagt. Ich möchte dazu nur Folgendes beitragen: Das Wichtigste, das mir Georg Wilhelm hier – auch angesichts der auf ihn niederprasselnden Kritik – mitgegeben hat, und das ich mir bei jeder Zeile, die ich verfasse, immer vor Augen halte, ist, dass es der Autor/die Autorin ist, der/die den Inhalt eines Texts bestimmt, und dass es nicht (potentielle) Kritiker, akademische Meinungskonkurrenten oder „Zitierkartelle“ sind, die darüber entscheiden, was gesagt werden soll oder eben nicht. Für manche mag diese Vorgabe wie eine Plattitüde klingen, was sie aber nicht im Geringsten ist: Vielmehr erfordert jene – gerade in der Fachwelt und im akademischen Umfeld – zwingend ein gewisses Maß an Keckheit und daher auch viel Mut und Verantwortungsgefühl. Aber nur so gelingt Fortschritt und Meinungs(fort)bildung!

Sonnenschein und Wolken ist der Untertitel eines kontroversen Aufsatzes, den Georg Wilhelm vor mehr als 25 Jahren verfasst hat. Sonnig und manchmal ziemlich gewittrig waren auch die Beziehungen, die Georg Wilhelm zu Menschen wie mir unterhielt; aber wenn die Wolken einmal verflogen waren, konnte man durch den Austausch mit ihm viel Sonne tanken. Mein aufrichtiges Mitgefühl gilt nun selbstverständlich in erster Linie seinen Angehörigen, seinen Freundinnen und Freunden und den ihm sonst Verbundenen, die nun über den bitteren Verlust trauern. Es ist für diese wohl kein wirklicher Trost, aber es ist in der Tat keine leere Floskel, wenn ich hier schreibe: Wir bei ecolex werden unseren Gründer sicher nie vergessen!

Der Nachruf erscheint auch in der Zeitschrift "ecolex" Heft 6/2021.