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AUTORIN DES MONATS · RECHTaktuell 1-2/2020

Barbara Göth-Flemmich

Barbara Göth-Flemmich leitet die Abteilung für Internationales Strafrecht im Justizministerium – für MANZ hat sie einen Kommentar zum Thema geschrieben.
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Redaktion
Karin Pollack
Datum
20. Januar 2020

Globale Denkerin


Es sind nicht viele Tage im Monat, an denen Barbara Göth-Flemmich in ihrem Büro im Justizministerium physisch anwesend ist. Straßburg, Den Haag, Brüssel: Überall dort, wo internationale Organisationen ihren Sitz haben, muss die Juristin regelmäßig anwesend sein. Sie leitet im Justizministerium die Abteilung für Internationales Strafrecht, da stehen Sitzungen im Europarat oder beim Ratssekretariat der EU auf der Tagesordnung. Dazu kommen bilaterale Verhandlungen mit einzelnen Staaten. „In meinem Job geht es darum, Lösungen auf internationaler Ebene zu finden. Es ist spannend, Sachlagen stets rechtsvergleichend betrachten zu müssen“, sagt Göth-Flemmich. Seit 15 Jahren wandern sämtliche Auslieferungen und Rechtshilfen in Strafsachen über ihren Schreibtisch, „die Vielfalt der immer neuen Sachlagen erstaunt mich selbst“, sagt sie.

Dass Göth-Flemmich eines Tages mit internationalem Verbrechen beschäftigt sein würde, war nicht ihr Plan. Die 1963 in Lienz geboren Osttirolerin wuchs in einem sehr musischen Haushalt auf. Ihre Mutter liebte die Oper, ihr Großvater, ein Anwalt, musizierte und sang. Göth-Flemmich selbst mochte Sprachen und verbrachte als Schülerin ihre Sommer als Au-pair-Mädchen in Frankreich. Nach der Matura 1981 übersiedelte sie nach Wien, nicht zuletzt auch wegen der Musik. „Musikverein, Oper, Konzerthaus: Das war, was ich wollte“, sagt sie.

Sie inskribierte Germanistik und Französisch und war nach drei Jahren mit dem Französischstudium fertig. Doch irgendwie reichte ihr das nicht. Sie entschloss, ein Jus-Studium anzuhängen. „Endlich etwas Gescheites“, kommentierte der Vater. Doch aller Anfang ist schwer. Der Professor für Römisches Recht schrieb unter ihre Seminararbeiten Kommentare wie: „Kein juristisches Denken“ oder „zu literarisch“. Doch genau das spornte Göth-Flemmich schließlich an, ihr assoziatives Denken um analytisches Argumentieren zu erweitern. Schon bald erkannte sie, „wie entscheidend es ist, einen klaren Rahmen zu haben“, und wollte Richterin werden.
 

„In meinem Job geht es darum, Lösungen
auf internationaler Ebene zu finden.“


Doch dann kam eine Ausschreibung des Außenamts, sie arbeitete dort im Büro für Völkerrecht. Göth-Flemmich, damals Mutter eines kleinen Sohnes, bekam den Job. 1993 ging sie mit einem Kindergartenkind nach Brüssel, organisierte eine Reihe von Veranstaltungen und lernte die Grundregeln internationaler Beziehungen kennen. Schlussendlich sollte sie aber das juristische Arbeiten vermissen. Zurück in Österreich absolvierte sie die Richteramtsprüfung und begann am Gericht.

Doch ihre Kenntnisse der internationalen Beziehungen holten sie 1998 wieder ein. Im Justizministerium suchte man jemanden, der in der Organisation rund um die EU-Präsidentschaft mitarbeiten würde, Göth-Flemmich war prädestiniert für diesen Job. 2004 schließlich wurde sie mit der Leitung der Abteilung für Internationales Strafrecht betraut. Das kam überraschend, war es doch bis dahin nicht ihr Kerngebiet gewesen. Sie arbeitete sich schnell ein und hat – im Rückblick – den Schritt in dieses Rechtsgebiet nie bereut. Im Gegenteil. Die Osttirolerin, die sich längst als Wienerin versteht, mag die Treffen mit ihren Kollegen und Kolleginnen aus anderen Ländern und steht im permanenten Austausch mit Delegationen, die mit Österreich zwischenstaatliche Vereinbarungen aushandeln. Durch die Globalisierung hat das Rechtsgebiet in den letzten Jahren stark an Bedeutung gewonnen. Deshalb hat Barbara Göth-Flemmich zusammen mit Judith Herrnfeld, Konrad Kmetic und Johannes Martetschläger einen 800 Seiten starken Kommentar zum Internationalen Strafrecht zusammengestellt, der im Februar bei MANZ erscheinen wird.

Viele Reisen, viele Verfahren, viel Publikationsarbeit: „Ein Konzert am Abend geht aber immer noch“, sagt Göth-Flemmich, so müde kann sie nicht sein. Was sie am liebsten hört? Die argentinische Pianistin Martha Argerich und Konzerte, die von Christian Thielemann oder Ricardo Muti dirigiert werden. Und welche Komponisten? Da will sie sich ungern festlegen, weil sie auch moderne Musik mag, aber „letztlich höre ich Schubert wahrscheinlich am liebsten“, sagt sie nach einigem Zögern. Zudem liest sie gerne Romane und wandert, wann immer sie Zeit hat, und das ist vor allem in den Ferien, die sie zusammen mit ihrem Mann entweder in Osttirol oder im Salzkammergut verbringt. „Privat steige ich in kein Flugzeug“, sagt die überzeugte Fußgeherin, die auch im Ministerium lieber die Treppen als den Lift nimmt.

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