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Wolfgang Ködel; Sabine Eichhorst

Der Mann im Wald

Wie ich mein Leben hinter mir ließ

9,99 EUR inkl. MwSt.
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ISBN: 978-3-492-97496-7
Verlag: Piper ebooks in Piper Verlag
Format: E-Book Text (EPUB sofort downloaden
Downloads sind nur in Österreich möglich!)
240 Seiten, 2016

Kurztext / Annotation

Ausgebrannt, einsam, verzweifelt: Als der Unternehmer Wolfgang Ködel Insolvenz anmelden muss, verliert er nicht nur seine Firma, sondern auch seine Familie, seine Freunde und sein Haus. Der Weg, den er nach diesem Zusammenbruch wählt, ist extrem: Er steigt aus und findet nur wenige Hundert Meter von seinem Haus entfernt ein neues Zuhause im Wald. Drei Jahre lebt er dort in einem Zelt, im Sommer wie im Winter, ohne Strom, ohne Feuer zu machen, mutterseelenallein, frei. Dann wird er von einem Spaziergänger entdeckt. Ehrlich und berührend erzählt das Buch vom Scheitern, von den Jahren im Wald und seinem Weg zurück in unsere Welt.

Wolfgang Ködel, geboren 1959, gründete nach einem Maschinenbaustudium gemeinsam mit zwei Partnern eine Firma für Laserschneidtechnik. Bis zu seiner Insolvenz im Jahr 2010 war er über 20 Jahre lang erfolgreicher Unternehmer. Heute lebt er in der Nähe von München und sucht seinen Weg zurück in unsere Gesellschaft.

Textauszug

1

Ein Geräusch.

Ein Kratzen.

Ein leises Schleifen.

Tastende Schritte?

Im Haus ist es still. Die Wände schweigen, die Möbel verharren. Kein Atmen, kein Leben. Auch ich atme nicht, mein Puls sinkt, das Blut fließt zäh. Bin starr wie ein Tier im Winterschlaf.

Bin nicht da.

Schon fort.

Wieder ein Kratzen. Ein Scharren auch. Es kommt von draußen. So klang es oft, wenn sie kamen. Natürlich kamen sie tagsüber, meist am späten Nachmittag, nach der Arbeit. Die Männer trugen Sakkos, manchmal Anzüge, die Frauen hübsche Kleider, der Makler war jung und dynamisch, bei jedem Schritt federte er weich in den Knien. Er führte die Leute über den Vorplatz zum Haupthaus, und wenn sie eine Weile später wieder herauskamen, liefen sie erneut über den Platz und hielten auf mein Haus zu. Sie klopften an die Tür. Sie drückten den Klingelknopf; doch die Klingel war tot, der Strom längst abgestellt. Ich stand auf der anderen Seite der Tür und hielt den Atem an. Ich lauschte den Stimmen, energisch die der Männer, ein wenig aufgeregt die der Frauen. Sie klopften wieder, doch ich rührte mich nicht. Sie spähten durchs Fenster neben der Tür, liefen ums Haus herum, drückten ihre Gesichter an die Scheiben. Später, wenn ich die Lamellen der Jalousien vorsichtig auseinanderzog, sah ich die Abdrücke ihrer Nasen, ihrer Fingerkuppen.

Irgendwann gingen sie fort.

Doch ich wusste, sie würden wiederkommen. Sie oder andere. Würden die Tür aufbrechen und mich hinauszerren.

Aber nun habe ich einen Plan.

Das Schleifen auf der Straße wird leiser, entfernt sich, erstirbt schließlich. Die Nacht ist wieder still. Die Starre löst sich, ich atme wieder. Kein schlafloser Nachbar, der seinen Hund ausführt ... Kein weiterer Vorstoß des neuen Besitzers ...

Ich strecke die Hand nach der Säge. Die werde ich brauchen. Die Axt auch, beide Äxte. Ihre Klingen stoßen aneinander und klirren, als ich sie in die Tasche lege. Ich ziehe eine Schublade auf, nehme eine Kombizange heraus. Den Hammer? Ein paar Schraubenzieher? Die Brechstange?

Nein, nur das Nötigste.

Der Rest bleibt hier.

Mein Leben bleibt in diesem Haus zurück.

Vor drei oder vier Tagen hing ein Zettel an der Tür. Ich hatte seine Schritte gehört, hatte im Flur gestanden, als er klopfte, ungeduldig, fordernd. Ich hörte ihn meinen Namen rufen und seine Stimme klang scharf. Das Haus gehörte jetzt ihm. Er forderte sein Recht. Später, in der Nacht, als gegenüber die Lichter hinter den Fenstern erloschen waren, öffnete ich vorsichtig die Tür. Ein helles Rechteck im Dunkel und schiefe Druckbuchstaben: Auszug bis zum 13. Oktober, danach bestelle ich Container und räume . Leise schloss ich die Tür. Ich hatte keine Angst. Ich spürte weder Angst noch Wut noch Freude noch Traurigkeit noch Hoffnung. Ich war ohne Gefühl.

Lange schon.

Ich lege die Kombizange zu den Äxten und der Säge und zurre den Reißverschluss zu, als mein Blick auf das Seil fällt: Ein Kunststoffseil, zu einer Acht geschlungen, mit dem losen Ende zusammengebunden. Es liegt seit Jahren dort, ich kann mich nicht mehr erinnern, wozu ich es einmal gekauft habe. Ich öffne die Tasche und lege es zum Werkzeug.

Für alle Fälle.

Bäume gibt es genug im Wald.

Ich schließe die Kellertür und steige lautlos die Treppe hinauf. Lange schon bewege ich mich, ohne ein Geräusch zu verursachen. Unhörbar. Unsichtbar. Wie ein Dieb.

Nein ... wie ein Geist.

Im Wohnzimmer fallen Lichtstreifen der Straßenlaterne durch die Schlitze der Jalousien. Im Halbdunkel sehen die Möbel wie Fremde aus und der Boden ist voller Schatten, ein Mosaik aus Grautönen, aus runden und rechteckigen Formen. Zeitungen, Hemden, Kartons, Flaschen, ungeöffnete Briefe. Es riecht nach kaltem Rauch. Ich weiß nicht, wann ich das letzte Mal gelüftet habe. Ich weiß auch nicht, wann ich das letzte Mal aufgeräumt

Beschreibung für Leser

Unterstützte Lesegerätegruppen: PC/MAC/eReader/Tablet