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Christel Dobenecker

Kehr um und lebe!

Briefe an eine kranke Freundin

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ISBN: 978-3-86465-102-1
Verlag: trafo Literaturverlag
Format: Flexibler Einband
85 Seiten; 7 farbige Kreidezeichnungen, 1. Auflage, 2018

Hauptbeschreibung

Magersucht – süchtig danach, möglichst mager zu sein, und das aus den unterschiedlichsten Gründen – ist eine psychische Erkrankung, die, nicht selten, tödlich enden kann. Die Autorin beschreibt ihren Versuch, einer jungen Frau bei der Überwindung der Krankheit seelisch beizustehen - auf der Basis der Erfahrung, sich selbst aus dieser Erkrankung herausgekämpft zu haben.

Textauszug

Forschen Schrittes kommt eine übermäßig schlanke junge Frau auf mich zu. Als sie nahe genug heran ist, fällt mir ihr selbstbewusster, fast selbstgefälliger Blick auf, der in gleichsam trotzigem Widerspruch zu der erschreckend hageren Gestalt steht. Dünne Beinchen tragen einen zum Skelett abgemagerten Körper, der hochmodisch gekleidet ist: schwarze High Heels, kurzer schwarzer Rock, weiße Bluse und dazu schwarze Weste sowie ein breitkrempiger schwarzer Hut. Todschick, möchte man meinen. Dennoch drängt sich mir die bange Frage auf: Magersucht? Wenn sie nicht körperlich schwerkrank ist, so ist sie magersüchtig. Ich wage kaum richtig hinzuschauen, kann jedoch im Vorübergehen in dem dezent geschminkten Gesicht die angestrengten, scharfen Züge erhaschen, die die mühsam aufrechterhaltene Fassade Lügen strafen. Ich komme mir vor wie ein Voyeur. Aber offenbar sehen meine Augen mehr als die anderer Menschen. Jahrelange eigene Erfahrung mit der Magersucht hat mich nicht nur hellhörig gemacht, sondern hat auch meinen Blick sensibilisiert: Ich bin eine Wissende, und hätte sie mich angeschaut, hätte sie wahrgenommen, dass ich weiß. Herausfordernd mustert sie ihre Umgebung, Bewunderung heischend: „Seht her, ich habe es geschafft; ich habe meinen Körper total unter Kontrolle, habe meine Nahrungsaufnahme auf ein Minimum reduziert. Ich brauche kaum zu essen.“ Triumph. Sieg des Willens über den Körper. Absolute Askese.
Die junge Frau, die an mir vorübergegangen oder stolziert ist – ja, voller Stolz –, ist nicht vorübergehuscht. Sie wollte sich nicht verstecken, sie wollte gesehen werden, wollte Aufmerksamkeit. Sie ahnt nicht – es sei denn, man sagte es ihr –, dass ihr Hungern keine Bewunderung weckt, sondern bestenfalls Erschrecken, Betroffenheit und Mitleid, auch Unverständnis. Schlimmstenfalls fühlen sich einige Menschen provoziert, abgestoßen: Ein Knochengerüst ist ästhetisch kein schöner Anblick, und sei es noch so sehr herausgeputzt. Es hat etwas Mystisches. Bilder büßender Asketen im Christentum kommen einem in den Sinn. Die Einsamkeit, die einen solchen Menschen umgibt, macht genau genommen die hart erkämpfte Autonomie zunichte: Sie ist ein zu hoher Preis. Man beschreitet freiwillig – anfangs freiwillig – einen Weg, auf dem einem niemand folgen wird. So tritt zur Askese die Einsamkeit hinzu – der soziale Rückzug: Man redete nicht leichthin über Magersucht wie über Magen- oder Kopfschmerzen. Diese Art von Autonomie ist also eigentlich ein doppelter Abstieg oder auch Absturz. Der Alleingang ist deshalb so gefährlich, weil er nicht abgefedert wird: Die Umwelt nimmt ihn kaum wahr. Man verliert den Kontakt zu ihr. Ein Verlust, der nicht wettzumachen ist.
Magersucht – süchtig danach, möglichst mager zu sein, und das aus den unterschiedlichsten Gründen – ist eine psychische Erkrankung, die, nicht selten, tödlich enden kann, wenn es infolge der andauernden Mangelernährung zu einem Multiorganversagen kommt, was schleichend geschieht. Dass es ein Weg auf den Abgrund zu ist, ist dem Betroffenen anfangs nicht bewusst. Er merkt es oft zu spät. Aber auch dann möchte er auf keinen Fall, dass jemand ihn vom Abgrund zurückreißt. Noch wenn das Hungern längst zur Sucht geworden ist, fehlt ihm, wie dem Alkoholiker, die Einsicht, krank zu sein. Zumal die Sucht mit ihren Erschöpfungszuständen alle Probleme zudeckt: Man erstickt seine Gedanken und Grübeleien in der Sucht.
Man belügt sich und andere, gibt vor, alles im Griff zu haben, hängt an seiner Autonomie wie an einer Kette und will nicht wahrhaben, dass diese Autonomie eine fragwürdige Freiheit ist. Dabei brauchte der Betroffene dringend Hilfe zur Umkehr. Die Angst, etwas aufgeben zu müssen, was er sich qualvoll erobert hat, hindert ihn daran, um Hilfe nachzusuchen. Egal, ob von den Medien gefeierter Schönheits- und Schlankheitswahn oder psychische Probleme wie Schuldkomplexe, die Ursachen der Essstörung sind vielfältig. Doch für all diese Menschen trifft gleichermaßen zu: Durch ihr Essverhalten spielen sie leichtfertig mit ihrem Leben. Magersucht ist in jedem Fall Autonomie zum Tode hin, larvierte Selbsttötung. Tragischerweise von den meisten Betroffenen so nicht gewollt, die in diesem Zwiespalt dennoch am Leben hängen, ohne Angst.
Die junge Frau hat sich schon längst leichtfüßig entfernt. Aber sie lässt mich nicht los. Plötzlich ist die Erinnerung an B. ganz lebendig und an ihre Worte: „Ich möchte doch noch leben“, als sie bereits am Abgrund stand, sich aber nicht durchringen konnte zur Kehrtwende. Der Schritt zurück forderte ihr so viel Kraft ab, dass sie letztlich aufgab.

Herausgeber/Autor


Mitarbeiter

Illustriert von: Christian-Ulrich Baugatz