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Nina Mägerle; Dorothea Beckmann; Simon Dworaczek; Thilo Müller; Theresa Niedermeier; Friedemann Ohm; Steffen Paschke; Jochen Praefcke; Petra Petra Şaşmaz; Nikolas Scheuer; Ina Schröder; Agatha Schütz; Martin Seefeld; Marion Stelter; Wolfgang Wendlandt; Josephine Wolters

"Ihr seid viel stärker, als ihr denkt!"

Texte zu positiven Aspekten des Stotterns

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ISBN: 978-3-921897-90-4
Verlag: Stottern & Selbsthilfe
Format: Buch
148 Seiten; Zeichnungen; 21 cm x 14.6 cm, 1. Auflage, 2019

Hauptbeschreibung

Stottern ist nicht selbstverständlich. Das Wiederholen, Dehnen und Blockieren von Lauten, Silben oder Wörtern stört den reibungslosen Ablauf mündlicher Kommunikation und irritiert. Daraus resultieren bei stotternden Menschen in vielen Fällen negative Gefühle. Angst, Schuldempfinden, Wut und Scham begleiten das Stottern und beeinträchtigen das Leben vieler Betroffener stark. In dem Wissen, dass Stottern oftmals als Defizit erfahren wird, versuchen alle Beiträge dieses Buchs trotzdem einmal probeweise einen vollkommen anderen Blick darauf zu werfen. Sie zeigen: Wenn stotternde Menschen es schaffen, sich den ‚kleinen-großen‘ Herausforderungen des Alltags zu stellen; wenn sie es schaffen, die eigene Redeunflüssigkeit ohne fortdauernde Selbstanklagen und andauernde Frustration in das eigene Leben zu integrieren, dann kann sich die Perspektive auf das Stottern grundlegend verändern. Die Texte stammen mit einer Ausnahme ausschließlich von Betroffenen, also von ExpertInnen in eigener Sache. Manche von ihnen sind zudem Fachleute, die als SprechtherapeutInnen arbeiten. Mut in der Auseinandersetzung mit der Sprechbehinderung Stottern ist ihnen allen gemeinsam.

Inhaltsverzeichnis

Inhaltsverzeichnis
Martin Sommer
Vorwort .....................................................................................................................8

Filippo Smerilli
Einleitung ............................................................................................................... 11

TEXTE ...................................................................................................................... 17
Nina Mägerle
Stottern und schöne Momente – (un)vereinbar? ................................................... 18

Susanne Grebe-Deppe
„Mit mir macht das Leben einen Unterschied. Und das ist gut so.“
– Systemische Fragen an das Stottern von S. ...................................................... 23

Dorothea Beckmann
Mein Stottern – Gegner oder Verbündeter? .......................................................... 31

Steffen Paschke
Mein Stottern und das Lob der Toleranz ............................................................... 37

Ulrike Felsing
Perspektivwechsel Stottern ................................................................................... 44

Theresa Niedermeier
Warum mein Stottern keine (Erfolgs-)Geschichtegewesen sein wird .................... 52

Marion Stelter
Vom Sprung in der Schüssel zur Frucht am Baum ............................................... 60

Simon Dworaczek
Genau wie alle anderen auch ................................................................................ 63

Ina Schröder
Die einen so, die anderen anders .......................................................................... 67

Petra Şaşmaz
Die Semantik des Stotterns ................................................................................... 74

Wolfgang Kölle
Ich bin, wie ich bin, auch durch mein Stottern, und das ist gut so!......................... 81

Filippo Smerilli
Laute....................................................................................................................... 86

Jochen Praefcke
Der Gedanke.......................................................................................................... 91

Wolfgang Wendlandt, Yi-Ji Lu, Friedemann Ohm,
Nikolas Scheuer, Agatha Schütz
Schatten oder Licht?
Das ist hier die Frage ... – Sichtweisen auf das Stottern ....................................... 97

INTERVIEWS.......................................................................................................... 111
Filippo Smerilli
„Wenn man an sich als Stotterer arbeitet, dann arbeitet man auch
an sich selbst als Mensch.“ Interview mit Frederick Kukla................................... 112

Filippo Smerilli
„Ihr seid viel stärker, als ihr denkt!“ Interview mit Thilo Müller ............................. 119

Tobias Haase
„Mit zwölf Jahren hätte ich nie gedacht, dass ich diese Person
werden könnte, die ich heute bin.“ Interview mit Martin Seefeld ......................... 127

Tobias Haase
„Es lohnt sich immer, für seine Ziele zu kämpfen.“
Interview mit Josephine Wolters .......................................................................... 132

DIE MITWIRKENDEN ............................................................................................ 136
Illustratorin .............................................................................................................. 136
Autor_innen und Interviewpartner_innen................................................................. 136

Einführung oder Vorwort

Einleitung

Filippo Smerilli

„Stottern ist ein ausdrucksstarkes Phänomen. […] Stottern lässt keinen kalt – den Sprecher nicht und auch nicht den Zuhörer.“1 Mit diesen Worten charakterisiert der Psychologe, Mitbegründer der Selbsthilfe für stotternde Menschen in Deutschland und langjährige Stottertherapeut Wolfgang Wendlandt treffend die doppelseitige Wirkung der gestörten kommunikativen Interaktion beim Stottern. Ganz und gar nicht ‚kalt‘ lässt das Stottern dabei in der Regel insbesondere die Betroffenen selbst. Vielmehr begleitet eine innere, nicht sichtbare emotionale Symptomatik die verschiedenen äußeren, sicht- und hörbaren Symptome: das Verlängern, Blockieren oder Wiederholen von Wörtern, Silben oder Lauten; das Verkrampfen und Zittern der Sprech- oder anderer Muskulatur; die unkontrollierten Mitbewegungen von z.B. Kopf, Armen, Beinen usw. Im Normalfall dominieren negative Gefühle die Einstellung gegenüber der sich derart äußernden eigenen Behinderung, jedenfalls solange die Redefluss-Störung und ihre Begleitsymptome nicht bearbeitet wurden, z.B. im Rahmen einer
seriösen logopädischen Therapie. Am häufigsten von den Betroffenen genannt wird als ein das Stottern begleitendes Gefühl die „Angst“, die sich bis zur „Panik“ steigern kann; andere mit dem Stottern verbundene typische Gefühle sind „Scham“, „Verlegenheit“, „Schuld“, „Frustration“ und „Aggression“; und zuletzt beeinflusst das Stottern bzw. der Umgang der Betroffenen mit dieser Sprechunflüssigkeit oft die Wahrnehmung der eigenen Identität und bedingt ein „negatives Selbstbild“2.

Vor diesem Hintergrund erscheint es als ein zumindest mutiges, wenn nicht arg
gewagtes Unterfangen, ein Buch zu positiven Aspekten des Stotterns herauszuge-ben. Deshalb sei gleich zu Beginn betont: Das Leiden am Stottern, das häufig
und zumindest phasenweise stark ausgeprägte Unglück der Betroffenen ist uns
als Herausgebern sehr wohl bekannt. Wir stottern beide selbst und haben unseren
eigenen Weg im Umgang mit unserer Sprechbehinderung erst in langen Jahren finden müssen – wir sind wie viele andere stotternde Menschen sogar immer wieder dabei, ihn neu zu finden. Und doch hat uns gerade auf der Grundlage unserer eigenen Erfahrungen mit negativen Gefühlen dem Stottern gegenüber der Versuch interessiert, im Rahmen dieses Buchs einmal einen vollkommen anderen Blick auf die normalerweise als Defizit betrachtete und erfahrene Beeinträchtigung des Sprechens zu probieren. Gerade das Gewagte des beabsichtigten Perspektivwechsels hatte uns gereizt, als Michael Kofort vom Demosthenes-Verlag der Bundesvereinigung Stottern & Selbsthilfe das Thema vorschlug.

Eine der herausforderndsten und zugleich wichtigsten Aufgaben im Umgang
mit dem eigenen Stottern ist unserer Erfahrung und unseres Wissens nach, dass
es auf irgendeine Weise gelingt, eine versöhnliche Haltung gegenüber der eigenen
Symptomatik und Beeinträchtigung zu entwickeln. Solange ich mich für
meine Wiederholungen, Verzögerungen oder Blockaden schäme, mir die Schuld
für sie gebe, mich vielleicht sogar dafür hasse, werde ich dem Stottern unmöglich
etwas Positives abgewinnen können. Aber ist das deshalb prinzipiell unmöglich?

Wir denken, dass das nicht so ist, und zwar obwohl Stottern geradezu zwangsläufig
das Leben der davon betroffenen Menschen prägt und zweifellos schwieriger macht. Denn was wäre unser Alltag ohne sprachliche Kommunikation? Sei es in der Schule, im Studium, im Beruf oder im Privatleben; beim Einkaufen, im Café, in der Mensa oder am Bahnhof: Ohne zu sprechen, ist unser Alltag nur unter großen Schwierigkeiten zu bewältigen. Als stotternder Mensch begegnet man jeden Tag gerade beim Sprechen unzähligen kleinen Herausforderungen, die oft mit starken Gefühlen einhergehen. Sei es beim Bestellen eines Essens, beim Kauf einer Fahrkarte oder beim Ansprechen einer sympathischen
Person – immer stellt sich die Frage: Spreche und stottere oder vermeide ich?
Damit verbunden sind andere Fragen: Bleibe ich hungrig oder nehme ich ggf.
Spott in Kauf? Ertrage ich es, wenn ich nicht freundliche, sondern einmal mehr
irritierte Blicke ernte? Stelle ich mich meiner Angst oder vermeide ich die Konfrontation mit ihr und ihrem Auslöser? Riskiere ich einmal mehr die Alternative
Gelingen oder ‚Versagen‘? …

Charles Van Riper, selbst Betroffener und einer der bis heute wichtigsten Stottertherapeuten des 20. Jahrhunderts, hat das Unglück stotternder Menschen
einmal folgendermaßen beschrieben: „[D]ie Schwierigkeit des Stotterers ist, leicht und ohne Abnormität zu kommunizieren. Das ist die Hauptquelle seines Unglücks. Er hungert nach erfolgreicher Kommunikation; er dürstet nach einer Sprechweise, die nicht durch die Frustration zeitweilig gebrochener Wörter, Silben und Laute gefärbt ist. Er leidet an dem Mangel an flüssigem Sprechen.“3
Dieses durch die Unmöglichkeit, spontan bzw. willentlich flüssig zu sprechen, bedingte Unglück stotternder Mensch entsteht natürlich nicht aus dem Nichts. Wesentlichen Anteil an seiner Entstehung haben Diskriminierungserfahrungen, deren Ausgangspunkt in den meisten Fällen Vorurteile gegenüber dem Stottern sind. Noch immer ist diese nach derzeitigem Stand der Wissenschaft primär „körperlich bedingte Sprechbehinderung“4 überlagert mit Stereotypen. Stotternden Menschen unterstellt man gemeinhin zum Beispiel nach wie vor einen psychischen Defekt als Ursache ihrer Sprechunflüssigkeit. Man setzt voraus, sie seien besonders unsicher und nervös oder gar weniger intelligent als andere Menschen oder gekennzeichnet durch irgendeine andere psychische Anomalie 5. Auf die Konfrontation mit solchen Vorurteilen bzw. mit auf diesen basierenden Diskriminierungen reagieren viele Betroffene, indem sie Gespräche und sprachliche Interaktionen aller Art vermeiden. Der Grad des Vermeidens steigert sich gelegentlich bis hin zu einem umfassenden kommunikativen Rückzug, aus dem weitgehende soziale Isolation resultieren kann. Das sind für stotternde Menschen wesentliche Anlässe und konkrete Ursachen für ihr Leiden
vor, während und nach jeder alltäglichen Kommunikation. Doch wenn Betroffene es schaffen, sich den kleinen-großen Herausforderungen des Alltags zu stellen; wenn sie es schaffen, das eigene Stottern ohne fortdauernde Selbstanklagen und andauernde Frustration in das eigene Leben zu integrieren; wenn sie es schaffen, sich den mal implizit, mal explizit von Kommunikationspartner_in-nen vermittelten Stereotypen zu stellen und sich gegen sie zu wehren, dann kann sich die Perspektive auf das Stottern grundlegend verändern. Das zeigen alle in dieses Buch aufgenommenen Beiträge.

Wichtig war uns von Anfang an, den Autor_innen zu vermitteln, dass uns durchaus auch Beiträge interessieren, die mit positiven Aspekten des Stotterns einhergehende Ambivalenzen und Brüche schildern. Die Texte sollten nicht um jeden Preis ‚heile Welten‘ darstellen. Denn auch mit einer veränderten Haltung gegenüber der bei Erwachsenen in der Regel nicht mehr heilbaren Redefluss- Störung wird schließlich nicht unvermittelt alles bisherige durch sie bedingte Leid ungeschehen gemacht und das Leben mit einem Mal ausschließlich leicht. Die größte Herausforderung für viele unserer Autor_innen war offenbar genau das, nämlich in ihren Texten weder alle Probleme zu ignorieren, die ihr Leben mit dem Stottern geprägt hatten, noch umgekehrt und ungeachtet unserer Themenstellung schlicht bei dieser Problematik zu verharren, ohne positive Aspekte auch nur zu erwähnen oder wenigstens ernsthaft und nachdrücklich in Erwägung zu ziehen. In einem von Wolfgang Wendlandt und vier Patient_innen für diesen Band verfassten, aus mehreren Einzeltexten bestehenden Beitrag spricht Ersterer in einem kurzen Vorsatz eine Hürde an, die in der Zusammenarbeit zu überwinden war. Nach einer ersten „wenig ergiebig[en] Niederschrift“ habe er als Therapeut erst Raum schaffen müssen, um „Widerstände und Vorbehalte
dem Thema gegenüber […] artikulieren und die unversöhnliche Sichtweise dem eigenen Stottern gegenüber“ ausdrücken zu können. Erst dann sei der „Schreibpro-zess“ fortgesetzt worden 6. In Form der zuvor genannten Herausforderung für unsere Autor_innen sind wir auf eine ähnliche Problematik gestoßen. Als Herausgeber haben wir daher mit unseren begrenzteren Möglichkeiten immer wieder einen vergleichbaren Prozess anzustoßen versucht. Ohne in irgendeiner Weise therapeutisch arbeiten zu können, haben wir doch unser Bestes getan, noch vorhandene „Widerstände und Vorbehalte dem Thema gegenüber“ abzubauen. Als Ergebnis liegen nun vierzehn Texte und vier Interviews vor, die die angesprochenen Hürden bewältigt haben. Bei allen ihren Unterschieden kennzeichnen sie zugleich einige Gemeinsamkeiten. Geradezu eine Konstante stellt die in vielen Texten formulierte Auffassung
dar, dass die Bewältigung der zahllosen Schwierigkeiten, die Stottern im Alltag erfordert, letztlich eine Stärkung bedeutet. In dieser Perspektive stellt Stottern eine Art ‚Krisentraining‘ dar. Flüssig sprechende Menschen müssten hingegen bestimmte ‚Muskeln‘, d.h. bestimmte Charaktereigenschaften und Fähigkeiten gar nicht erst so intensiv trainieren wie stotternde Menschen. An diesem Punkt wird besonders deutlich, was auch für andere noch zu erläuternde Punkte gilt: Gerade die negativen Aspekte des Stotterns scheinen ins Positive zu kippen, wenn sie erfolgreich in ein vom Stottern unabhängigeres, positiveres Selbstbild integriert werden können. So führt etwa die Neigung stotternder Menschen zur Zurückhaltung und Schweigsamkeit dazu, dass sie eine besondere Fähigkeit zum Zuhören entwickeln – so die mehrfach wiederkehrende Erfahrung unserer Autor_innen. Ihr eigenes Leiden an einer Behinderung und die daraus resultierende Isolation macht stotternde Menschen anscheinend auch besonders empfänglich für die Empfindungen von Menschen mit anderen Behinderungen und von anderen Außenseitern. Das ‚Unglück‘ des Stotterns fördert
auf diese Weise die Fähigkeit zur Empathie. Daraus entsteht im besten Fall eine von großem Verständnis geprägte Solidarität. Eine andere mehrfach geäußerte Beobachtung besteht darin, dass Stottern eine ausgeprägte Sensibilität gegenüber der gesprochenen und geschriebenen Sprache sowie einen Sinn für die Bedeutung guter, tiefer gehender und – gerade auch stotternd – gelingender Kommunikation fördert. Es zwinge außerdem dazu, sich mit der eigenen Persönlichkeit auseinanderzusetzen – wohl nicht zuletzt vor dem Hintergrund der Herausforderung, eine Behinderung und ein positives Selbstbild miteinander zu verbinden. Selbst seine Eigenschaft als ein in flüssige, reibungslose Abläufe nicht-integrierbares Element könne eine wünschenswerte Qualität des Stotterns darstellen: Es verlange und fördere Geduld sich selbst und anderen gegenüber ebenso wie die Akzeptanz des Unperfekten. In Bezug auf den Umgang mit anderen Menschen könne Stottern einerseits neue wertvolle Kontakte fördern – das scheint vor allem eine Erfahrung derjenigen Betroffenen zu sein, die sich in der Selbsthilfe engagieren. Andererseits könne es geradezu als eine Art
‚Lackmuspapier für menschliche Qualitäten‘ eingesetzt werden: Welche_r Ge-sprächspartner_in weiß mit einem Menschen umzugehen und ihn zu schätzen,
obwohl diesen eine für die meisten anderen in den ersten Momenten des Kennenlernens irritierende Kommunikationsbeeinträchtigung kennzeichnet? Das
zeigt sich für stotternde Menschen in der Regel bereits in den ersten Sekunden eines Gesprächs. Es sind diese und einige andere positive Aspekte, die in den Beiträgen dieses Buchs immer wieder zur Sprache kommen. Sie sind fast ausnahmslos von selbst stotternden Menschen verfasst, von denen einige zudem Fachleute in eigener Sache geworden sind bzw. diese zum Gegenstand ihres Berufs gemacht haben.

Hinweisen möchten wir einleitend noch auf einen letzten negativ-positiven Aspekt des Stotterns. Die unentwegte Konfrontation mit dieser angstbesetzten eigenen ‚Schwäche‘ erfordert ein großes Maß an Mut. Jeden Tag stellen sich stotternde Menschen zwangsläufig zahllose Male ihrer vielleicht größten Angst. Diesen besonderen Mut betonen viele unserer Autor_innen. Wir haben bereits angesprochen, dass ein solches, wenn auch von der eigenen Behinderung erzwungenes Verhalten die Charakterbildung stotternder Menschen positiv beeinflussen kann. Das legt einen Schluss nahe, den einer unserer Interviewpartner, der selbst betroffene Sprachtherapeut Thilo Müller pointiert formuliert hat: „Ihr seid viel stärker, als ihr denkt.“ – An dieser Stelle, Thilo, vielen Dank für den schönen Titel! – Betroffene, die es vermittelt durch diese Stärke schaffen, sich nicht in die Isolation zu begeben, bewahren sich die Chance zu erfahren, dass sie auch mit ihrer Beeinträchtigung beruflichen Erfolg, gesellschaftliche Akzeptanz, persönliche Zufriedenheit und Momente des Glücks erreichen können.

Als Letztes noch eins: Die hier versammelten Texte sind mindestens so unterschiedlich wie die Stottersymptomatik ihrer Verfasser_innen und ihre Umgangsweisen damit. Diese Verschiedenartigkeit betrifft auch ihren Ausdruck und Stil. Wir haben sie bewusst nicht einzuschränken versucht. Während wir Herausgeber uns z.B. nicht als ‚Stotterer‘ bezeichnen, weil dieser Ausdruck unseres Erachtens Betroffene nur in Hinsicht auf eine einzige ihrer vielen Eigenschaften charakterisiert, sie dadurch übermäßig betont und die Betroffenen darauf zu reduzieren droht, bereitet anderen dieser Begriff keine Schwierigkeiten. Das haben wir ebenso unverändert gelassen wie die verschiedenen Arten und Weisen zu ‚gendern‘ bzw. es nicht zu tun, also entweder ausschließlich in der männlichen Form auch von Frauen und anderen Geschlechtsidentitäten zu sprechen oder aber andere sprachliche Wege zu wählen, die die tatsächliche Vielfalt ausdrücken.

Unseren Leser_innen wünschen wir eingedenk dieser verschiedenen Stile eine
interessante, unterhaltende und vor allem stärkende Lektüre.


1 Wolfgang Wendlandt: Stottern im Erwachsenenalter. Grundlagenwissen und Handlungshilfen für die Therapie und Selbsthilfe. Stuttgart: Thieme 2009. S. 2.

2 Ulrich Natke: Stottern. Erkenntnisse, Theorien, Behandlungsmethoden. 2., vollständig überarbeitete und er-gänzte Aufl. Bern: Huber 2005. S. 22f.

3 Charles Van Riper: Die Behandlung des Stotterns. 4. Aufl. Köln: Bundesvereinigung Stotterer-Selbsthilfe 2002.

4 Vgl. die Definition des Stotterns auf der Internetseite der Bundesvereinigung Stottern & Selbsthilfe:
https://www.bvss.de/index.php?option=com_content&view=article&id=1&Itemid=18 (zuletzt geprüft am 21.08.2018).

5 Deutliche Spuren hinterlassen solche und verwandte Vorurteile in der Darstellung stotternder Menschen innerhalb verschiedener Medien, etwa des unterhaltenden Films oder der erzählenden Literatur. Vgl. dazu
Jürgen Benecken: Wenn die Grazie mißlingt. Stottern und stotternde Menschen im Spiegel der Medien. Köln: Demosthenes 1996.

6 Vgl. den Beitrag von Wendlandt et al. in diesem Band.

Herausgeber/Autor


Mitarbeiter

Illustriert von: Frauke Boggasch