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Gerd Riese

King Georg, Chagall. die Monroe und wir

Erzählungen aus dem Leben stotternder Menschen

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ISBN: 978-3-921897-67-6
Verlag: Stottern & Selbsthilfe
Format: Buch
222 Seiten; 18 cm x 13.5 cm, 1. Auflage, 2012

Hauptbeschreibung

Ein Buch mit fesselnd erzählten Geschichten, die einfach Mut machen, mit dem Handicap Stottern kämpferisch und zugleich gelassen umzugehen. Geschichten von ganz normalen Menschen, die nebenan wohnen könnten, aber auch von stotternden Prominenten wie Marc Chagall, Marilyn Monroe, Ludwig Wittgenstein, Maxie Wander und anderen. Spannende Geschichten vom Jetzt-erst-recht. Und: vom Glück.

Inhalt

Vorwort 4
Der berühmteste Stotterer der Welt (King George und David Seidler) 6
Die Ausschreitung 18
Ismael 28
Miniaturen I 32
Die Zeit ist ein Fluss ohne Ufer (Marc Chagall) 37
Zweistein angepisst 54
Bj-Björn 59
Hanebüchen 61
Mein Name ist 65
Miniaturen II 66
Nein, Marilyn ist kein Vorbild für mich (Marilyn Monroe) 71
Ein Wunsch 76
Cuba Libre 105
Miniaturen III 107
Herr Bundeskanzler, noch ein paar ganz persönliche Fragen (Malte Spitz) 112
Die Gruppe 120
Frank auf den Fotos 132
Miniaturen IV 142
Wovon man nicht sprechen kann (Ludwig Wittgenstein) 147
Maximilan heißt noch Maximilian 163
Hass, das war früher 167
Ich bin 169
Miniaturen V 174
Psst! Sonst kommt Papa ins KZ! (Maxie Wander) 179
Ein glücklicher Tag 203
Sieh mich an, wenn Du mit mir sprichst 207
Nachworte 208
Informationen zur Stotterer-Selbsthilfe NRW, zur BVSS und zum Demosthenes-Verlag 216


Biografische Anmerkung zu den Verfassern

Über den Autor:

Gerd Riese, geboren 1950 in Kettwig an der Ruhr, studierte Politologie, Geschichte und Pädagogik in Marburg. Einige Jahre in Köln: Mitarbeiter in journalistisch-literarischen Projekten, Spiel in freien
Theatergruppen, Taxifahrer des Nachts. Von 1984 bis 2010 Sonderschullehrer für sogenannte geistigbehinderte Kinder an einer Privatschule in Dortmund, zudem von jeher tätig als Schriftsteller:

Zahlreiche Gedichte und Erzählungen, diverse Veröffentlichungen. 2006 Erster Preis im Lyrik-Wettbewerb der Rauner-Stiftung mit dem Gedichtband Das Licht am frühen Morgen.
Lebt heute als freier Autor in Witten. Und ist selbst – ein geübter Stotterer.


Textauszug

Die Ausschreitung

30 Jahre liegt das jetzt zurück.
Es gibt noch keine Fahrkartenautomaten. Und deshalb hat Stefan dieses
verfluchte Problem.
Er schreitet noch kräftiger aus, seine Füße knallen über den Asphalt. Nicht,
weil er es eilig hat. Ihm ist inzwischen egal, wann er ankommt. Er stampft auf
vor Wut, mit jedem Schritt stärker. Es beginnt leicht zu nieseln, Stefan schlägt
den Jackenkragen hoch. Natürlich ist er viel zu dünn angezogen für eine Oktobernacht.
Im Grunde könnte er längst daheim sein. Wäre er mit dem Zug
gefahren. Wäre. Mit diesem Marsch durch die Nacht war nicht zu rechnen.
Wirklich nicht?
Er führt Selbstgespräche, schließlich ist er allein auf dieser Landstraße
durchs Bergische Land zwischen Wuppertal und Solingen. Wer läuft hier
schon lang, in dieser elenden Provinz, im Dunklen. Mitten in der Woche. Wäre
Wochenende, wäre Disco-Time, vielleicht wäre dann ja noch irgendjemand unterwegs.
Einer, der in Wuppertal sein bisschen Geld versoffen hat und jetzt
laufen muss, heim, nach Solingen. Was aber sollte er mit einem Discogänger?
Oder schon besser einer Discogängerin? Er verflucht den Konjunktiv.
Stefan traut sich sowieso nicht rein.
Einmal war er tatsächlich drin, einmal. Sah ein Mädchen, sah sie an, lange,
heimlich, mit Sehnsucht, wollte sie ansprechen, nahm Anlauf, nahm jeden Mut
zusammen und brachte nur heraus: Hallo, ich hei-heiße Scht-Scht-Scht. Gegrinst
hatte sie. Ganz blöde gegrinst. Ach, hast wohl vergessen, wie du heißt?
Solltest vielleicht weniger saufen.
Und sich umgedreht.
Er hatte auf das Glas Cola in seiner Hand gestarrt und nicht mehr aufzuschauen
gewagt. Ja, er trank Asbach Cola, aber besoffen war er längst nicht,
nicht von diesem einen Glas. Vielleicht sollte er sich wirklich besaufen. So richtig.
Er hatte die Disco verlassen. Noch die Erinnerung tat weh. Er trat mit dem
Fuß gegen einen der Straßenpfosten, weißer Kunststoff, kurz vor Hahnerberg.
Du hast es, dieses Stottern, und Du hasst es. In Wortspielen warst Du immer groß.
Aber nicht im Wörtersagen. Ja, es ist ganz okay, die Stotterei zu hassen. Aber
musst Du Dich deswegen selber hassen?
Ja, er hasst sich, wenn er nicht mal seinen Namen sagen kann. Oder, wie
vorhin nicht, Solingen. SSSSSo-lilililingen. Das S und das L sind Horrorlaute.
SO! SO!!! Schrei es raus! Ein 5er-Rhythmus, verdammt noch mal, lang-langkurz-
kurz-kurz, SO!-SO!-SO-LIN-GEN! SO!-SO!-SO-LIN-GEN! SO!-SO!-
SO-LIN-GEN! Hört sich fast an wie bei den Studenten, denkt er. Jetzt ein
Dreier. Im Rhythmus stampft er auf und skandiert SO!-LIN!-GEN! – SO!-
LIN!-GEN! – SO!-LIN!-GEN! Ohne jedes Stottern brüllt Stefan den Namen
der Stadt gegen den Wald, die dunklen, nassen Stämme. Gegen die Erde, die
Felsen. Gegen die Blätter, die über die Straße wirbeln, gegen die nächste, ansteigende
Kurve.
Gegen den aufkommenden Wind.
Und schreit: NIE WIEDER!
Ich kann wirklich besser brüllen als sprechen. Hätte ich den Bahnbeamten etwa
andonnern sollen? „SOLINGEN!!!“ Oder: „LOS, VERDAMMT NOCH MAL,
GEBEN SIE MIR ENDLICH EINE FAHRKARTE NACH SOLINGEN,
WIRD’S BALD!!!“ Alles Mist. Genauso bescheuert wie mit offenem Mund vor
dem Mann zu stehen, um schließlich, irgendwie, SSS-So-lilil-ingen herauszuwürgen.
Die Schlange vor dem Fahrkartenschalter war ziemlich lang gewesen. Je näher
er vorrückte, desto klarer wusste er: Heute geht nichts. Gar nichts. Er wird Solingen
nicht sagen können, vielleicht schäumt ihm der Sabber über die Lippen,
wenn er das SSSS rausstößt, oder er fuchtelt mit den Händen rum beim lilili.
Soll er es singen? Soll er es brüllen? Soll er es flüstern?
Er wird auf jeden Fall wie der letzte Trottel dastehen vor diesem Bahnbeamten.
Singen: Sohohoho-lihin-gen. Er setzt tief an, dann ein wenig höher, einen Halbton
nur, am Ende wieder runter mit der Stimme. Dis-E-Dis. Das klang doch
wie.? Hey, wie der Anfang von …? Ihm fällt der Song nicht ein. Egal. Hätte
er etwa seine Gitarre mitnehmen sollen, direkt vor den Fahrkartenschalter,
und seinen Wunsch zu irgendeiner Melodie vortragen? Grafenberg in Düsseldorf
war ja nicht weit, Grafenberg, die Psychiatrie. Unzählige Witze kursierten.
Wenn einer sich komisch oder blöd anstellte, hieß es Dir haben sie ja wohl
in Grafenberg heimlich über die Mauer geholfen! Trotzdem singt er. Jetzt. Ohne
Fahrkartenbeamten. Er ist alleine hier auf der Straße. Dieses Kaff Hahnerberg
hat er hinter sich gelassen. Singen tröstet. Singen macht weich. Dabei wurde
er immer härter gegen sich selbst, immer unerbittlicher. Verzieh sich nichts
mehr. Jedes Anhaken ein Strafgericht. Zwölf Geschworene, jeder einzelne war
er selbst. Oft sang er diese alten Dylan-Songs, zur Gitarre, allein in seinem
Zimmer, The Times They Are a-Changin‘. Wann denn würden sich die Zeiten
ändern?
Mit der Gitarre unter seinen Händen nahm er es mit allen auf.
Flüstern, das ging. Nur so eben hauchen, dass er kaum zu verstehen war: Solingen.
Überhaupt kein Problem, diesen Namen zu raunen, im Raum verwehen zu lassen,
die Laute nur so eben auszuatmen. Aber natürlich würde der Beamte bald ungeduldig
fragen: Wie bitte? Ich verstehe Sie nicht. Sprechen Sie doch etwas lauter, bitte!
Sprechen. Als wenn das so einfach wäre.
Von einer nächtlichen Weide glotzt ihn eine Kuh an. Was ist das für einer, der
da alleine über die Straße geht? Seine Schritte werden wieder schneller. Ein
Auto fährt mit hoher Geschwindigkeit an ihm vorbei, streift ihn fast. Als existiere
er gar nicht. Am Himmel sind keine Sterne zu sehen. Wolken vermutlich.
Wird es gleich wieder anfangen zu regnen? Stefan rennt fast, dann stolpert er,
strauchelt, fängt sich wieder. Er bückt sich nach einem Stein und schleudert ihn
in die nahe Koppel, ins Leere. So geht sein Leben nicht weiter. Er kann nicht
davonlaufen. Er muss sich stellen.
Endlich war er an der Reihe gewesen. Der Beamte hatte ihn angeschaut. Stefan
hatte nichts gesagt.
Weil nichts rauskam. Gar nichts, nicht mal ein S. Der Mann hatte leicht,
kaum wahrnehmbar, die Stirn gerunzelt. Gleich würde er, das wusste Stefan
nur zu genau, sagen: Ja, bitte?!
Wie lange hätte es dann noch gedauert, bis er den Namen seiner Heimatstadt
endlich herausgewürgt hätte? Während in diesem Beamtengesicht die
Ungeduld allmählich dem Mitleid gewichen wäre.
Nein, das musste er nicht erleben.
Noch bevor es zu dem Desaster kommen konnte, hatte Stefan sich umgedreht.
Wortlos umgedreht.
Halb zehn hatte die Bahnhofsuhr gezeigt. Er ging auf den Vorplatz. Bis
Solingen mussten es über Hahnerberg und Schwabhausen rund 15 km sein.
Wenn er kräftig ausschritt, würde er gegen 1 Uhr zu Hause sein. Das ging doch
eigentlich. Er war gerade mal 20, gesund und halbwegs sportlich. Kerngesund!
Er hustete bei diesem Wort. Sein Husten war trocken und rau.
Stefan schreitet aus. Eine Ausschreitung, denkt er. Ich müsste es einfach mal
wagen. Müsste alles rausschreien. Immer diese Wortspiele. NIE WIEDER!
Er singt, er brüllt, er flüstert. Wieder überholt ihn ein Auto mit aufgeblendeten
Scheinwerfern. Ein Auto haben, das wär’s. Nie mehr Fahrkartenschalter.
Er hat kein Geld für ein Auto, aber er singt Mercedes Benz von Janis
Joplin. Singen hilft immer.
Die Silben verbinden, ganz weich mit jeder einzelnen ansetzen, die Silben
singen, die Wörter singen, eine Art Sprechgesang, ein melodisches Sprechen,
es muss gar nicht laut sein, auf dem Atemstrom mitschwingen, so gehen die
schwierigsten Wörter. Wenn er alleine ist. Er ist zuviel alleine. Auch nach mehreren
logopädischen Behandlungen. Dabei ist er doch nicht der einzige Stotterer
auf der Welt.
Schwabhausen taucht vor ihm auf. Die Häuser dunkel, hier schläft alles. Nein,
dort oben ist noch ein Dachfenster erleuchtet. Stefan fühlt sich plötzlich unendlich
müde. Zehn Kilometer muss er schon gelaufen sein, fünf liegen noch
vor ihm. Was ist er doch für ein Idiot! Nein, Stotterer sind keine Idioten. Sie
sehen nur so aus. Wenn sie den Mund offen stehen lassen und mit den Händen
rumfuchteln. Ein Idiot bin ich nur, wenn ich aus lauter Scham fünfzehn Kilometer
laufe statt stehenzubleiben vor dem Fahrkartenschalter, es auszuhalten,
dass mich jemand anguckt. Dass mir jemand zusieht beim Stottern.
Du musst nicht verlieren, wenn du mal schwach spielst. Einer dieser Fußballsprüche
von Axel über die Kunst, wie man Meister wird. Stefan interessierte sich
überhaupt nicht für Fußball, aber diese Art von Axels Zitaten, die liebte er.
Axel, sein Freund.
Lange hatte Axel gar nicht gewusst, dass Stefan stottert.
Eine Brieffreundschaft zwischen zwei Jungen aus Solingen und Weilheim
in Bayern, vermittelt über eine Jugendzeitschrift, die sie schon längst beide
nicht mehr lasen. Aber es war NICHT Bravo gewesen, darauf legten sie beide
den größten Wert. Mit 15 hatten sie angefangen, bald wurden es ellenlange
Briefe, die hin- und hergingen, meist zwei in der Woche. Mit Axel konnte er
reden, äh, schreiben natürlich. Endlich ein richtiger Freund. Mit Axel konnte
er einfach normal sein. Er hatte Axel lange nichts erzählt von seinem Stottern.
Das Stottern war unwichtig. Über Musik und Bands hatten sie sich geschrieben,
waren über ihre Lehrer hergezogen, hatten sich bemitleidet, dass
ausgerechnet sie solche Eltern hatten, und sich erzählt, welche Mädchen sie
gut fanden und welche doof. Viel über Politik diskutiert. Und was für Bücher
sie gerade lasen. Telefoniert hatten sie nie. Axel hatte zum Glück nie danach
gefragt. Und Stefan erst recht nicht. Es war noch die Zeit der teuren Ferngespräche
gewesen. Beide Eltern achteten auf die Höhe der Telefonrechnung, man
musste schließlich sparen. Stefan war es nur recht gewesen.
Bald keine Sehnsucht, Fragen, Wünsche, Träume, die sie nicht miteinander
teilten – in ihren Briefen. Einen solchen Freund hatte Stefan noch nie gehabt.
Nur über sein Stottern schwieg Stefan.
So weich er auch sonst mit Axel war, da blieb er eisern.
Bis sie, ein oder zwei Jahre später, in der Schule Herman Melvilles Seefahrergeschichte
Billy Budd durchgenommen hatten. Dessen Moby Dick hatte
Stefan längst gekannt. Aber dieser Billy Budd war völlig anders.
Schließlich, nach einigem Zögern, hatte Stefan Axel davon berichtet:

Die beste Lektüre, die wir je in Deutsch durchgenommen haben! Billy ist ein
kräftiger, fähiger, ja, ein beinah perfekter Matrose. Nur seine Redeweise stört seine
Vollkommenheit: Er hat einen Sprachfehler, er stottert. Als er eines Tages von einem
arroganten Offizier mit einer erfundenen Beschuldigung völlig zu Unrecht der Meuterei
angeklagt wird, bringt er vor Aufregung kein Wort heraus – und schlägt in einer
Kurzschlusshandlung dem Offizier schließlich mitten ins Gesicht. Der Schlag ist unglücklicherweise
tödlich. Auf dem Schiff tritt ein Kriegsgericht zusammen. Ist er ein
Mörder? Soll er verurteilt werden? Oder ist er zu bemitleiden, soll man Gnade vor
Recht ergehen lassen? Schließlich hat ihn der Offizier zuvor verhöhnt, gedemütigt,
ihn fälschlicherweise der Lüge bezichtigt. Was wiegt schwerer? Moral oder Gesetz?
Darüber diskutieren wir jetzt in der Klasse.
Und dann, nach einigem Zögern, hatte er sich noch getraut hinzuzufügen:

Was hältst Du eigentlich von Leuten mit einem Sprachfehler oder so?
Selten hatte er so auf den nächsten Brief von Axel gewartet wie auf diesen.
Er kenne Billy Budd nicht, schrieb Axel endlich. Die Geschichte klinge etwas
konstruiert, finde er. Und warum er ihm überhaupt solche merkwürdigen Fragen
wie am Ende stelle? Natürlich habe er nichts gegen Lispeler oder Stotterer!
Schließlich können die armen Kerle doch nichts dafür.
Stefan brauchte länger als sonst für eine Antwort. Er wollte kein Armer
Kerl sein für Axel. Er saß vor dem angefangenen Brief und wusste nicht weiter.
Nach einer Weile hatte er, wie von selbst, weinen müssen. Nur ein paar Tränen.
Ausgerechnet kurz darauf musste seine Mutter mit einem Stapel Wäsche ins
Zimmer kommen. Sie hatte die roten Augen ihres 16jährigen Sohnes gesehen
und besorgt gefragt, was er denn habe. Abgewendet hatte er sich und Nichts
gemurmelt. Doch seine Mutter hatte nicht locker gelassen. Das stimmt doch
nicht. Bis ihr besorgter Tonfall ihn plötzlich genervt hatte, nur noch genervt.
Geh!, hatte er gesagt, sehr laut, und bald geschrieen. Geh doch endlich!
Am Abend hatte er schließlich Axel geschrieben: Ich habe eigentlich nur gefragt,
weil ich selbst mal einen Sprachfehler hatte bzw., ehrlich gesagt, noch habe. Hat
sich gebessert. Früher aber war’s ganz schlimm. Jetzt passiert es mir fast nur noch,
wenn ich mal sehr aufgeregt bin.
Was geschönt war. Sehr geschönt. Egal. Er wollte Axel nicht alles zumuten.
Wollte ihn als Freund behalten, nicht als Armer Kerl bemitleidet werden.
Schnell hatte er den Brief frankiert und ihn noch vor dem Schlafengehen zum
Briefkasten gebracht.
Weg ist weg.
Über den Erinnerungen waren die Kilometer vergangen, vor ihm tauchte das
gelbe Schild SOLINGEN auf. Dieser verdammte Name seiner Heimatstadt.
Axel war in seinen Briefen nicht lange auf sein Geständnis eingegangen, hatte
nur von einem älteren Cousin in München geschrieben, der ganz in Ordnung
sei und dort in einer Selbsthilfegruppe für Stotterer mitmache. Bald schon hatten
sie wieder ihre üblichen Themen aufgenommen. Alles war ganz normal
gewesen. Und normal, das wollte Stefan sein. Um nichts lieber in der Welt.
Irgendwann später hatten sie sich gegenseitig für ein paar Tage besucht. Das
Stottern hatte keine Rolle gespielt, gar keine. Axel war sein Freund, einfach nur
sein Freund.
Immer noch gingen jetzt Briefe hin und her, allerdings längst nicht mehr so
häufig wie zu Anfang, Axel hatte eine feste Freundin. Manchmal telefonierten
sie inzwischen auch. Ach Axel, dich rufe ich an, morgen, flüsterte er leise vor
sich hin. Und frage dich, ob du noch mehr von solchen wunderbaren Sätzen
hast. Du musst nicht verlieren, wenn du mal schwach spielst. Nicht der Fahrkartenbeamte
hatte ihn gedemütigt. ICH SELBST HABE MICH GEDEMÜTIGT!
Noch knapp zwei Kilometer bis zu seiner kleinen Wohnung. Seine Beine
schmerzen. Er ist nur noch müde.
Endlich kommt er an, ist daheim. Er schließt die Tür hinter sich, schließt
die Welt aus. Er hat eine Niederlage erlitten. Er schämt sich.
Und hat gesiegt. Er weiß, das will er nie mehr erleben. Irgendetwas muss
sich ändern. Nie mehr!
Ich muss endlich etwas anderes tun als immer nur davonzurennen.
Dreißig Jahre später.
Stefan steht in einem Seminarraum vor einer Gruppe der Stotterer-Selbsthilfe
und erklärt den weichen Stimmeinsatz, das bewusst langsame, das sehr
betonte Sprechen. Vor allem aber spricht er vom Atmen. Ruhig und tief, bis
ins Zwerchfell hinein, ganz leicht nur, ohne Druck. Das alles nennt er Naturmethode.
Zuvor aber hat er wieder einmal die Geschichte seiner Wanderung erzählt.
„Nie wieder würde ich so etwas mit mir selbst machen, das habe ich mir
am Ende dieser Nacht geschworen. Bald bin ich dann in eine Selbsthilfegruppe
gegangen. Meine Schwester hatte einen Artikel in der örtlichen Zeitung
entdeckt, ihn herausgerissen und mir nach einem Besuch, bevor sie ging, ohne
Kommentar auf den Tisch gelegt. Ich bin ihr noch heute dankbar.
Zuerst musste ich immer nach Köln fahren, jeden Dienstag, und dann spä-
ter am Abend nach Solingen zurück. GEFAHREN bin ich, mit dem Zug,
wohlgemerkt! Das war meine abendliche Nagelprobe. Hatte die Selbsthilfegruppe
mir wirklich den Rücken gestärkt? Konnte ich stehenbleiben und, stotternd,
Solingen sagen? Später haben wir dann in Solingen/Remscheid selbst
eine Gruppe aufgemacht.“ Er grinst. „Gerade zu der Zeit, als die Fahrkartenautomaten
eingeführt wurden. Früher wären sie eine Erlösung gewesen. Nun
aber brauchte ich sie nicht mehr.“
Stefan macht eine Pause und trinkt langsam einen Schluck Wasser. „Wisst
ihr, wir Stotterer haben gelernt: Sprechen ist anstrengend. Also strengen wir
uns an. Logisch. Wir sprechen mit Druck. Ständig sind wir unter Druck. Alle
Menschen sind unter Druck. Aber ganz besonders wir Stotterer. Das Geheimnis
aber liegt darin, LEICHT zu sprechen. Leicht geht es beim Flüstern, Raunen,
Brummen, Hauchen, Summen. Bei allem Singen. Beim Schreien, Toben,
Brüllen. Dennoch, Stotterer, höre auf zu kämpfen! HÖR AUF!!! Nein, das wäre
ja wieder ein Kämpfen. Lasse es einfach. Lasse dich selbst. Sei gelassen, Du
DARFST stottern. Hab keine Angst. Deine Angst provoziert das Stottern ja
erst.
Du möchtest einen guten Freund an Deiner Seite? Wie wäre es mit Dir
selbst? Kannst Du Dir vorstellen, ein Leben lang mit jemandem zusammen zu
sein, der Dich ständig kritisiert und kein gutes Wort für Dich übrig hat? Spare
nicht mit Lob und Komplimenten für Dich. Sei Dir selbst Dein bester Freund.
Sprich leicht, mit Freude.“
Er macht eine kleine Pause. „Und jetzt tun wir endlich was. Ich mache
es euch vor. Ganz stimmlos mit dem S einsetzen, leicht, zusammen mit dem
Atemstrom, nun etwas voller werden mit der Stimme, aber dennoch weich bleiben,
fast genussvoll das O formen, eine winzige Pause machen, und jetzt das L,
fast singen könnt ihr es. Nun das I. Das N könnt ihr direkt anschließen. Und so
fort. SO-LIN-GEN. Na, also, geht doch! – Und jetzt stellt sich jeder vor, sagt
langsam seinen Namen.“ Stefan schaut in den Halbkreis vor ihm. „Ja, ich weiß,
Vorstellungsrunden sind bei Stotternden ziemlich unbeliebt. Aber wir sind hier
ganz unter uns. Wir helfen uns. Ganz ohne Druck.“
Er versucht, jeden einzelnen der Teilnehmer anzusehen, lächelt und sagt:

„Setzt langsam ein, mit Lust, mit Genuss. Fast wie ein Lied beginnt.“
Eine fiktive Geschichte. Angeregt aber durch ein tatsächliches Erlebnis
Berthold Wauligmanns aus der Stotterer-Selbsthilfegruppe Münster:

Statt einer simplen Zugfahrt unternahm er einst einen langen Nachtmarsch
.
Zudem sind im letzten Teil einige Zitate von ihm versteckt. Siehe
Berthold Wauligmann: Leichter sprechen und sich wohler fühlen.
Praktische Hilfen für Stotternde (Ein Übungsfilm mit Begleitheft)


Einführung oder Vorwort

Vorwort oder Warum Sie dieses Buch lesen sollten

Wenn Sie selbst nicht stottern und auch nicht einer Ihrer Freunde oder Verwandten – warum in aller Welt sollten Sie dann dieses Buch lesen? Millionen Menschen auf der Welt haben den Film The King’s Speech gesehen und waren tief berührt von dem Kampf des britischen Königs George VI mit seinem Handicap. Millionen Menschen, die nicht stottern.
Vier Oscars konnte The King’s Speech 2011 gewinnen, u. a. David Seidler für das beste Drehbuch. Von der schicksalhaften Verknüpfung seines bewegten Lebens mit der Biografie King George VI können Sie in der Erzählung Der berühmteste Stotterer der Welt lesen. Aber auch andere prominente Stotterer werden
literarisch porträtiert: Der Maler Marc Chagall, die Schauspielerin Marilyn Monroe, der Philosoph Ludwig Wittgenstein, die Schriftstellerin Maxie Wander und der Politiker Malte Spitz.
Wenn auch Ihr Leben manchmal nicht recht in Fluss kommt, ins Stocken gerät, es nicht so läuft, wie Sie gerne möchten, wenn vielleicht auch Sie immer wieder herausgefordert sind zur Balance zwischen Akzeptanz und Widerstand – dann lesen Sie dieses Buch! Denn es handelt vom großen Trotzalledem, vom Mut, mitunter gar vom Glück.
Ich besuchte Selbsthilfegruppen in Bonn, Düsseldorf, Köln, Dortmund, Bielefeld, Finnentrop, Kleve, Münster und Göttingen. Dort gab es keine prominenten Namen, aber spannende Erfahrungen: Stotternde ließen mich während langer Abende teilhaben an ihrer Auseinandersetzung mit einem kleinen großen Handicap. Jetzt erst recht! Reiche Impulse flossen in die Miniaturen ein oder bildeten den Stoff für eigenständige dramatische Erzählungen. Natürlich ist zudem manches auch autobiografisch grundiert. Warum auf einen Schatz von sechs Jahrzehnten Stotterer-Erfahrung verzichten?
Meine Besuche in den Gruppen wurden begleitet von Ilona Richter. Ihre einfühlsamen fotografischen Porträts finden sich bei den fünf Kapiteln der Miniaturen.
Die abgebildeten Menschen sind nicht unbedingt identisch mit den Protagonisten. Namen und Umstände sind, von historischen Personen abgesehen, in allen Erzählungen frei erfunden.

Gerd Riese

Herausgeber/Autor


Mitarbeiter

Mit Fotografien von: Ilona Richter