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Stefan Gmünder; Klaus Zeyringer

Das wunde Leder

Wie Kommerz und Korruption den Fußball kaputt machen

9,99 EUR inkl. MwSt.
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ISBN: 978-3-518-75802-1
Verlag: Suhrkamp Verlag
Format: E-Book Text (EPUB sofort downloaden
Downloads sind nur in Österreich möglich!)
80 Seiten, 1. Auflage, 2018

Kurztext / Annotation

Autoritäre Führer, die sich auf der Ehrentribüne als Männer des Volkes inszenieren, während sich korrupte Sportfunktionäre neben ihnen über die gewährte Immunität freuen; WM-Stadien, die von Lohnsklaven errichtet werden und nach dem Großereignis verfallen; Stars wie Neymar, die für astronomische Summen den Club wechseln - "der Fußball leidet", wie nicht nur "Uns" Uwe Seeler klagt.

Damit muss endlich Schluss sein, fordern Stefan Gmünder und Klaus Zeyringer: Entziehen wir diesem System der Gefälligkeiten und Ungerechtigkeiten unsere Unterstützung! In ihrem leidenschaftlichen Buch skandalisieren die beiden Liebhaber der wichtigsten Nebensache der Welt die Zustände im Fußballgeschäft. Und sie plädieren dafür, den Sport aus den Händen derer zu befreien, denen er vor allem zur Selbstbereicherung dient.

Stefan Gmünder, geboren 1965, ist Literaturredakteur bei der Wiener Tageszeitung Der Standard.


Textauszug

7 1. Anstoß

Die Elf in weißen Trikots und schwarzen Hosen drängt. Sie liegt 1:2 zurück, nur noch acht Minuten sind zu spielen. Einen Angriff über links blocken die Gegner in den roten Shirts im Strafraum ab. Der Ball landet im halblinken Mittelfeld, von dort schlägt ein großer blonder Verteidiger eine hohe Flanke zurück in Richtung Tor.

Man schreibt den 14. Juni 1970. Im Stadion der mexikanischen Stadt Léon, 1800 Meter über dem Meeresspiegel gelegen, steht die Mittagshitze. Der Schiedsrichter hat das Match um zwölf Uhr angepfiffen, damit man es in Europa zur besten Sendezeit empfangen kann - in Farbe. Der Fußball hat global die Grautöne abgelegt, dabei hatte man den WM -Ball Telestar mit schwarzen Elementen extra noch für Schwarz-Weiß-Geräte optimiert. Beim Kameraschwenk über die nun plötzlich bunten Tribünen fällt die Vielzahl an breiten Hüten auf. Die Sonne brennt, viele Kicker haben sich deswegen die Haare wachsen lassen. Unten auf dem Rasen dürften die Beine schwer sein.

Am rechten Eck des englischen Fünfmeterraums ist ein Spieler in Stellung gelaufen, auf seiner hohen Stirn schützt kein Haar gegen die Sonne. Groß gewachsen ist Uwe Seeler nicht gerade, doch er entzieht sich geschickt seinem Gegenspieler. Mit dem Rücken zum Tor köpfelt er Karl-Heinz Schnellingers Flankenball über den englischen Torwart Peter Bonetti hinweg ins lange Eck. Die deutsche Elf gleicht aus - 2:2. Seeler, der Kapitän, sitzt 8 auf dem Hosenboden und streckt die Arme in die Luft. Reißt sich nicht das Trikot vom Oberkörper, sprintet nicht zur Eckfahne, um daran zu rütteln, stellt sich nicht breit in Schützenpose, zieht keine Maske übers Gesicht. Uwe Seeler sitzt einfach nur da und "freut sich wie ein Bub", wie die Medien damals wissen. Dann eilt der Spieler mit der Nummer 13 herbei und umarmt ihn. Seeler, gewiss einer der besten Mittelstürmer seiner Zeit, hat ihm diese Position überlassen, um selbst als hängende Spitze zu rackern. Gerd Müller wird in der Verlängerung das 3:2 und damit den Sieg im Viertelfinale einer Weltmeisterschaft fixieren, die vielen Experten bis heute als die beste aller Zeiten gilt.

Der Sieg über England ist auch eine Revanche für die Niederlage im Endspiel 1966. Ein weit verbreitetes Foto zeigt, noch in Schwarz-Weiß, wie "Uns Uwe" mit hängendem Kopf den "heiligen Rasen" des Wembley-Stadions verlässt, die Stätte eines Tores, das auch ein halbes Jahrhundert später noch Debatten befeuert - war der Ball hinter der Linie oder nicht?

"Uns Uwe" rief man den Weltklassestürmer, weil er Vereinstreue, Nähe, Ehrlichkeit und Kampfgeist verkörperte. Ein Typ, der immer wieder aufsteht. Mexiko war ein Endpunkt seiner langen Karriere, die zwar keine großen internationalen Titel brachte, aber eine Konstante im deutschen Fußball markierte: Seeler hat mit Fritz Walter und mit Franz Beckenbauer gespielt, den Kapitänen der Weltmeistermannschaften von 1954 und 1974.

9 Zugleich steht Mexiko aber auch für den Beginn der Fernsehära und des großen Fußballmarkts. Den brasilianischen Finaltriumph über Italien sahen 600 Millionen Menschen in 52 Ländern, ein Drittel mehr als vier Jahre zuvor. Neben der Farbe fügte das Fernsehen der Stadionwirklichkeit für das Publikum in den Wohnzimmern und Gaststuben eine technische Neuerung hinzu: Das "Replay" in Zeitlupe ermöglichte es, entscheidende Szenen besser zu erkennen. Die marktbestimmenden Sender setzten damals durch, dass die Anforderungen der Konsumenten und der Quote über die Bedürfnisse des Sports und der Spieler siegten. Sie mussten in der Mittagshitze kicken, damit die Europäer in der "Prime Time" ihr Match geliefert bekamen.

Vier Jahre später, unmittelbar vor dem Beginn der WM in der Bundesrepublik, hievte der deutsche Sportartikelhersteller Adidas João Havelange, den 1916 geborenen Sohn eines Waffenhändlers, an die Spitze des Weltverbandes Fifa. Seit 1958 war er d

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