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Gemeinsam statt einsam

Christina Wehringer

Christina Wehringer
© Fotostudio Huger













CHRISTINA WEHRINGER
hat die Pflegegesetze in Österreich maßgeblich
mitgestaltet – als MANZ-Autorin vermittelt die
Medizinerin zwischen Juristen und all jenen,
die Bedarf an Pflegegeld haben.


Jugendlichkeit ist keine Frage des Alters, sondern der Einstellung, hat ein deutscher Soziologe einmal gesagt: Wer Christina Wehringer trifft, fühlt sich daran erinnert. Sie sei ein „bisschen aufgeregt“, weil sie selten über ihr Leben spricht, sagt sie, und setzt sich an ihren Besprechungstisch im dritten Stock des Sozialministeriums. Sie trägt einen lila Hosenanzug und bequeme Schuhe. „Seit meinem vierten Lebensjahr fahre ich fast ausschließlich mit dem Fahrrad“, macht sie schnell einen erzählerischen Auftakt. Obwohl sie sich seit über 30 Jahren mit Menschen beschäftigt, die Hilfe brauchen, hat deren Bedürftigkeit auf Wehringer nicht abgefärbt. Mit Optimismus setzte sie sich für die Optimierung einer Gesellschaft ein, in der zunehmend alte Menschen leben: als Abteilungsleiterin für ärztliche Begutachtung im Ministerium, als Autorin einschlägiger Fachliteratur und als Herausgeberin der Zeitschrift „Das ärztliche Gutachten“ – beides im MANZ-Verlag.

Geboren wurde Christina Wehringer am 19. 12. 1953 in Klosterneuburg. Das Datum kurz vor dem 24. 12. quält sie nicht mehr, „weil ich Weihnachten einfach nicht mehr feiere“, sagt sie und ist froh über diese Lösung. Ihre Kindheit war alles andere als einfach. Mit zwei Jahren erkrankte sie an Kinderlähmung und verbrachte ein Jahr im Krankenhaus. Ihre Mutter war später sehr stark mit ihrem kränklichen Bruder beschäftigt. Ein Lichtblick war die Zeit mit ihrem Vater in seiner Werkstatt, der ihr so gut wie alle handwerklichen Fähigkeiten beibrachte. „Ich bin eine begnadete Pfuscherin“, sagt sie – und ja, Löten könne sie auch.

Christina Wehringer zog früh von Zuhause aus. Zuerst nach Wien zu den Großeltern, bei denen sie wohnte und ab der vierten Klasse das Gymnasium in der Haizingergasse im 18. Bezirk besuchte. Sie war eine gute, „aber aufmüpfige“ Schülerin, sagt sie und nahm ihre Funktion als Klassensprecherin sehr ernst. Nach der Matura 1972 entschied sie sich für ein Medizinstudium, vielleicht, weil ihr Großvater Verwalter in der einstigen Landesnervenanstalt Gugging war. Jedenfalls finanzierte sie – und darauf ist sie auch stolz – ihr Studium durch jahrelange Ferialjobs als Hilfskrankenschwester. „Da hat man als Frau wirklich gut verdient“, sagt sie. Ihre neue Familie wurde eine Wohngemeinschaft mit sieben Männern am Elterleinplatz. „Eine super Zeit“, schmunzelt sie.

Ihre erste Berufserfahrung nach Abschluss des Studiums sammelte sie im Kaiser-Franz-Josef-Spital. Nach der Geburt ihrer beiden Kinder Manuel und Jan 1986 und 1988 betrieb sie zusammen mit dem Vater ihrer Söhne eine Zeitlang eine Gemeinschaftspraxis im zehnten Wiener Gemeindebezirk. Um unabhängig zu bleiben, übernahm Wehringer Gutachtertätigkeiten im damaligen Landesinvalidenamt, der Vorgängerinstitution des Bundessozialamts. Ohne es je geplant zu haben, blieb sie dort zehn Jahre lang und lernte sämtliche Facetten von körperlichen und geistigen Einschränkungen und ihre Unterstützungsmöglichkeiten kennen.

1993 schließlich, als die Politik beschloss, eine Pflegegeldregelung einzuführen, war diese Expertise sehr wertvoll. Sie wechselte ins Sozialministerium und ist seitdem damit beschäftigt, zwischen Gesetzgeber, Medizinern und Juristen zu vermitteln. „Es gibt Tausende unterschiedliche Situationen, in denen Menschen auf Pflege angewiesen sind, Juristen hätten es gerne überschaubarer“, sagt sie, gewöhnt daran, Begrifflichkeiten nach allen Seiten zu definieren. Sie tut es unter anderem auch noch als oberste Gutachterin im Sozialbereich der Republik – schwierige Fälle landen auf ihrem Schreibtisch. Pflege ist ein Zukunftsthema, sagt Wehringer, die politische Herausforderung läge darin, Strukturen zu schaffen, die über das Entweder-Oder von Zuhause und Pflegeheim hinausgehen.

„Ich bin ein Menschenmensch“, sagt sie, weil sie ihr ganzes Leben lang immer lieber gemeinsam gelebt hat. Nach der Studenten-WG hat sie als junge Mutter in einer Hausgemeinschaft mit fünf anderen Familien gewohnt – und will in der Pension auch in eine solche Struktur zurück – so jedenfalls der Plan, den sie langfristig mit ihrem Freund aus Pregarten in Oberösterreich angeht.

Was Christine Wehringer sonst noch gerne hat? Bücher, Kino und Theater, sie joggt oft eine Runde um den Wiener Ring, geht morgens ins Stadthallenbad schwimmen und abends zum Tangotanzen. Im Sommer wird sie die Welt wieder radelnd erobern, weil man am Fahrrad schnell weiterkommt, aber trotzdem genug Zeit zum Schauen hat.


Karin Pollack

 
  • Christina Wehringer

    Das Gutachten zum Pflegegeld

    Eine Wegbeschreibung zum Verfassen des perfekten Gutachtens

    MANZ Verlag Wien
    ISBN: 978-3-214-09706-6 - Flexibler Einband
    XII, 160 Seiten, 2. Auflage, 2016
    34,00 EUR inkl. MwSt.
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