Foto: Mike Ranz
JÜRGEN RASSI
Leiter der Präsidialabteilung am
Oberlandesgericht Wien,
ist ein Meister des Zeitmanagements.
Vier Jobs parallel schafft er mit Leichtigkeit.
Gute Laune und Energie gehen dem Generalisten laut Eigendefinition nie aus.
„Wenn ich nichts mehr lernen kann, will ich mich verändern.“
Um acht Uhr bei den Löwen: Der Treffpunkt klingt exotisch, ist aber vor dem Wiener Justizpalast am Schmerlingplatz. Jürgen Rassi ist auf die Minute pünktlich und gut gelaunt. Er hat bereits eine Stunde Arbeit hinter sich. „Ich stehe um fünf Uhr auf, fange um 6:45 an. Auf diese Weise gewinne ich pro Woche fast einen ganzen Arbeitstag dazu“, rechnet er im Lift hinauf zum Justizcafé vor. Mit Blick über die Stadt wird er dort über sein Leben reden. Rassi ist vorbereitet, hat alle Fakten parat.
Geboren wurde der Sohn eines Technikers und einer Hausfrau 1970 in Wien. Er wuchs mit zwei älteren Schwestern auf. „Ich bin der einzige von uns dreien, der in Österreich geblieben ist und für Enkel gesorgt hat“, lacht der Vater von Zwillingsmädchen (9) und einem Sohn (11). Seine eigene Kindheit verlief unbeschwert in Wien Atzgersdorf, die Gymnasialzeit in der Waltergasse ohne Probleme, im Gegenteil, er sei „total gerne“ zur Schule gegangen. Nach Matura und Präsenzdienst entschied er sich für ein Jus-Studium, „weil ich schon als Klassensprecher für Gerechtigkeit eintrat“, sagt er. Früh war also klar: Rassi will Richter werden. Erinnerlich ist ihm die Aussage seines Professors Gerhard Frotz, der während einer Vorlesung beklagte, dass sich zu wenige Frauen für eine Unikarriere entschieden, weil sie sich als Richterinnen viel besser ihre Zeit einteilen und damit Beruf und Familie unter einen Hut bringen könnten. Das fand Rassi attraktiv, „auch als Nicht-Frau“, lacht er.
1993 war er mit dem Studium fertig, 1995 dissertierte er und begann das Gerichtsjahr. Nach Absolvierung der Richteramtsprüfung bewarb er sich 1999 am Bezirksgericht St. Pölten, „um praktische Erfahrungen zu sammeln“. Er pendelte von Wien, die Vielfalt der Causen gefiel ihm gute drei Jahre lang. „Wenn ich nichts mehr lernen kann, will ich mich verändern,“ erklärt Rassi seinen Sprung ans Landesgericht Eisenstadt 2002, wo er bald mit Rechtsmitteln befasst wurde. „Die burgenländische Zeit war bisher die beste meines Lebens“, sagt er – mit vielen Kollegen ist er bis heute freundschaftlich verbunden. 2008 schließlich kam der Karriereschritt ans Oberlandesgericht Wien, wo er neben seiner richterlichen Tätigkeit in der Justizverwaltung für Informationstechnologie verantwortlich ist.
Rassi hat aber im Grunde noch drei weitere Berufe. Seit fünf Jahren ist er Lehrbeauftragter am Juridicum in Wien und unterrichtet Zivilverfahrensrecht. „Ich nehme Fälle, die am Oberlandesgericht über meinen Schreibtisch gehen, mit auf die Uni“, erzählt er. Er weiß, dass er als streng aber fair gilt. Sein dritter Job „als Selbstständiger“ ist das Organisieren von Fachseminaren anlässlich großer Gesetzesänderungen. Schließlich ist Rassi aber auch einer der engagiertesten Autoren bei MANZ. Vor einem Jahr erschien sein „Grundbuchsrecht“, darüber hinaus arbeitet er als Autor bei Kommentaren zu Hans Faschings „Zivilprozessordnung“, Georg Kodeks „Grundbuchsrecht“ oder bei Andreas Konecnys „Insolvenzgesetzen“ mit. 2012 erscheinen Beiträge in den Kommentaren von Rummel und Gitschthaler/Höllwerth. „Ich bin Generalist, ein breites Themenspektrum ist mir wichtig“, sagt er. Als Autor am produktivsten ist er während seiner so genannten „Wissenschaftsurlaube“ im Kärntner Wolfsberg, wo seine Familie eine Ferienwohnung besitzt.
Apropos Familie: „Meine Wochenenden gehören den drei Ks“, sagt er als passionierter Vater und meint Küche, Kinder und Kirche. Seit fast 20 Jahren ist er mit seiner Frau Elisabeth glücklich, am Wochenende kocht er für sie und die drei „sehr lieben und wirklich braven Kinder“ entweder Hausmannskost oder arabisch, weil er als Student arabische Länder bereiste und von Land und Sitten begeistert ist. Der sonntägliche Kirchgang ist fixer Bestandteil der Woche, in seiner Heimatpfarre in Baden ist er stellvertretender Obmann der Katholischen Männerbewegung. Heute verbringt Rassi seine Urlaube lieber in Deutschland, an der Ostsee zum Beispiel, oder in den Bergen in Österreich. Das sei sicherer.
„Ein Kollege hat über mich gesagt, ich bin wie ein Christbaumspritzer, der nicht aufhört zu leuchten“, weiß Jürgen Rassi und hält einen Moment inne, „das fasse ich natürlich als Kompliment auf.“ Sein berufliches Fernziel ist „stete Weiterentwicklung“ also eine Stelle am Obersten Gerichtshof. Er will den Löwen am Eingang treu bleiben.
Karin Pollack
